Zweck dieses Dokuments
Dieses Dokument beschreibt die Grundlage einer Lebensmaxime für einen bestimmten Menschentyp. Sie erhebt nicht den Anspruch, eine universelle Moral für die gesamte Menschheit zu liefern. Sie sagt nicht, wie jeder Mensch leben sollte, welche Religion er annehmen, welches politische System er bevorzugen, welchen Beruf er ausüben oder welches Verhältnis er zu Besitz, Familie, Arbeit und Gesellschaft entwickeln muss. Ihr Gegenstand ist enger und zugleich anspruchsvoller: Sie soll Menschen befähigen, ihre tatsächlichen Motive von übernommenen Erzählungen zu unterscheiden, menschliche Konstruktionen als Konstruktionen zu erkennen und innerhalb dieser Konstruktionen souverän zu handeln.
Die Maxime beginnt mit einer einfachen Beobachtung. Homo sapiens ist außerordentlich gut darin, Systeme zu erzeugen. Sprache, Geld, Staaten, Berufe, Eigentumsordnungen, Religionen, Unternehmen, Statusmodelle, Bildungssysteme, soziale Netzwerke und zahllose andere Strukturen sind keine Eigenschaften der unbelebten Natur. Sie sind menschlich erzeugte Ordnungen. Diese Ordnungen können enorm nützlich sein. Sie können Kooperation ermöglichen, Konflikte reduzieren, Ressourcen verteilen, Wissen speichern, Orientierung geben und Menschen miteinander verbinden. Gleichzeitig besitzt Homo sapiens keine ebenso starke angeborene Fähigkeit, jederzeit zu erkennen, dass er innerhalb solcher Konstruktionen lebt.
Aus einer Regel kann dadurch eine vermeintliche Wirklichkeit werden. Aus „In dieser Gesellschaft wird Zugang zu vielen Ressourcen über Geld organisiert“ wird „Ohne Geld kann ein Mensch nicht leben“. Aus „Diese Kultur organisiert den Tagesablauf häufig über Frühstück, Mittagessen und Abendessen“ wird „Der Mensch muss dreimal täglich essen“. Aus „In dieser Branche gilt dieses Statussymbol als Zeichen des Erfolgs“ wird „Wenn ich es nicht besitze, habe ich versagt“.
Die Maxime will diese Verkürzungen sichtbar machen. Sie will den Menschen nicht aus der Gesellschaft entfernen, sondern ihm ermöglichen, gesellschaftliche Systeme gleichzeitig auf zwei Ebenen zu betrachten: operativ von innen und analytisch von außen. Ein Mensch kann wissen, dass Geld ein menschengemachtes Protokoll ist, und trotzdem kompetent Geld verdienen. Er kann wissen, dass ein Kalender konstruiert ist, und trotzdem pünktlich zu einem Termin erscheinen. Er kann wissen, dass eine berufliche Qualifikation eine institutionelle Zugangsregel ist, und sie trotzdem erwerben, wenn sie für sein Ziel zweckmäßig ist.
Der entscheidende Begriff lautet daher nicht Rebellion, sondern Souveränität. Souveränität bedeutet hier nicht völlige Unabhängigkeit. Kein Mensch ist unabhängig von Sauerstoff, Wasser, Nahrung, anderen Menschen, biologischen Grenzen und zahlreichen materiellen Bedingungen. Gemeint ist vielmehr die Fähigkeit, den Charakter einer Bedingung korrekt zu erkennen und daraus eine angemessene Handlung abzuleiten.