Xenokid
SAGA 01  •  KAP. 01 / 08  • 
01
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Nicht alle starten auf derselben Linie. Manche starten auf derselben Linie – sie sehen nur verschieden aus.

Der Bus kam zu spät. Natürlich. XenoKid stand draußen vor dem Schulgebäude, Rucksack auf dem Rücken, alte Turnschuhe die schon zwei Größen jünger waren als er. Der Eingang schluckte Schüler wie ein Förderband: Gruppen die sich kannten, Lachen das bereits aufgewärmt war, Schuhe die keine Geschichte hatten außer dass sie neu waren. Er lehnte einen Moment an der Mauer und schaute. Nicht weil er zögerte. Weil er sehen wollte, was hier war, bevor er es betrat.

Drinnen roch es nach nasser Jacke und Heizkörper. Die Flure waren breit und trotzdem eng, voll mit Leuten die wussten wo sie hingingen. XenoKid wusste es nicht, aber er ließ es sich nicht anmerken. Er folgte dem Strom einfach, bis er eine Treppe fand, und auf der Treppe saß jemand der nicht mitfloss.

Klein. Dünne Brille. Laptop aufgeklappt auf den Knien, obwohl die Knie fast zu schmal waren um ihn zu halten. Das Ladekabel lief quer über die Treppenstufe. Wer nicht aufpasste, stolperte drüber.

XenoKid stolperte nicht. Er schaute nur kurz auf das Display: kein Spiel, kein Video. Code. Zeilen die zu schnell scrollten um sie zu lesen. Er ging weiter nach oben.

Der Klassenraum war schon halb voll. Vorne links eine Gruppe die lachte, der Witz war schon angekommen bevor XenoKid den Raum betrat. Einer von ihnen trug ein Hoodie von einer Marke die XenoKid aus dem Schaufenster kannte. Er hatte das Preisschild mal umgerechnet: drei Wochenvorräte seiner Mutter. Wahrscheinlich mehr.

Er setzte sich ans Fenster. Nicht dramatisch, nicht weil er allein sein wollte – er wollte nach draußen schauen können. Auf dem Schulhof unten hing ein Plakat am Zaun, halb abgerissen vom letzten Regen. Alles ist möglich. Darunter ein Logo, irgendein Jugendprogramm der Stadt. Das Plakat hatte schon bessere Tage gesehen.

Der erste Unterrichtsblock begann. XenoKid hörte zu, aber nicht für die Fakten – für die Struktur. Wer fragte. Wer antwortete. Wer antwortete auch wenn er nicht gefragt wurde. Wer nie gefragt wurde. Die Verteilung war nicht zufällig. Er zog sein Heft heraus, kein kariertes Schulheft sondern ein altes mit braunem Pappdeckel, und schrieb drei Wörter: Wer. Wie. Warum.

In der Pause fand er sich auf dem Treppenabsatz wieder. Der Junge mit dem Laptop saß noch dort, jetzt mit einem Müsliriegel den er aß ohne hinzusehen.

"Du kodierst seit dem Morgen", sagte XenoKid. Keine Frage.

Der Junge hob den Blick. Kurz. Dann wieder auf den Bildschirm. "Du auch?"

"Ich schreibe."

"Was?"

"Fragen."

Stille. Nicht unangenehm. Der Junge aß den Rest des Riegels, ließ die leere Verpackung neben sich auf die Stufe fallen.

"Ich bin Ose", sagte er schließlich. Nicht Felix. Ose, als hätte er das längst entschieden.

"XenoKid."

Unten auf dem Schulhof spielten Leute Fußball. Einer von ihnen trug die Schuhe der teuren Marke. Er spielte gut. XenoKid fragte sich ob er genauso gut spielen würde mit denselben Schuhen, oder ob die Schuhe das Selbstvertrauen mitlieferten, das der eigentliche Unterschied war.

"Kennst du hier jemanden?", fragte Ose. Er tippte dabei weiter, die Frage klang wie nebenbei.

"Nein."

"Ich auch nicht." Kurze Pause. "Gibt es hier jemanden für uns?"

XenoKid schaute wieder auf das Plakat. Halb zerrissen. Alles ist möglich. Der Regen hatte die Farbe des Logos verschmiert.

"Wahrscheinlich nicht."

Sie blieben noch ein paar Minuten auf der Treppe. Als die Pause endete, gingen beide zurück. Nicht zusammen, aber in dieselbe Richtung. Das war genug für einen ersten Tag.

Abends, in seinem Zimmer, schrieb XenoKid ins Heft mit dem braunen Pappdeckel. Die erste Frage war einfach: Wenn alle dieselbe Schule besuchen, warum sehen dann manche aus als wären sie schon angekommen, bevor überhaupt etwas begonnen hat?

Er unterstrich sie zweimal. Dann schloss er das Heft und legte es unter das Bett. Draußen war es schon dunkel. Irgendwo in der Stadt hing noch ein Plakat.

— Wenn alle dieselbe Schule besuchen – warum sehen manche aus als wären sie schon angekommen?
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02
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Wer die falsche Sprache spricht, ist schon halb draußen. Und die Sprache hat niemand ausgewählt – sie wurde geliefert.

Am dritten Tag fingen sie an, die Schule zu kartografieren. Oses Idee, aber XenoKids Wort dafür: Kartografieren. Ose hatte gesagt: Ich will verstehen, wie das hier verdrahtet ist. XenoKid hatte das Heft aufgeschlagen.

Sie gingen wie Soziologen durch die Gänge. Ose hatte seinen Laptop dabei, tippte kurze Notizen in eine Tabelle, die er abends ordnen wollte. XenoKid schrieb in das braune Heft. Sie redeten wenig. Das Beobachten war die Sprache.

Was sie sahen: Gruppen mit Grenzen die niemand auslösen musste. Der Tisch hinten rechts in der Kantine gehörte jemandem, auch wenn der nirgendwo stand. Wer mit wem in der Pause, wer wem im Flur auswich, wer Augenkontakt hielt und wer den Blick senkte. Die Hierarchie war nicht sichtbar als Schild. Sie war Körpersprache. Klang. Die Art wie jemand Raum betrat.

"Wie ein Netzwerkdiagramm", sagte Ose. "Mit Knotenpunkten. Der da" – er nickte unauffällig zu einem Jungen mit dunkler Jacke – "der hat die meisten Verbindungen. Nicht weil er der Lauteste ist. Weil alle zu ihm schauen bevor sie lachen."

XenoKid kannte den Jungen. Hatte ihn schon am ersten Tag gesehen. Luca hieß er. Sein Vater war Anwalt, das wusste die halbe Klasse weil Luca es nicht versteckte, er erwähnte es einfach manchmal, beiläufig, wie man das Wetter erwähnt. Es war kein Prahlen. Es war Kontext, den er für selbstverständlich hielt.

In der dritten Stunde, Deutsch, stellte die Lehrerin eine Frage über einen Text. Luca antwortete. Er antwortete mühelos, die Stimme hatte diesen Ton, den XenoKid nur in Filmen kannte: ruhig, ohne Überprüfen ob man das sagen darf. Die Lehrerin nickte. Das Nicken war nicht nur Bestätigung, es war Zugehörigkeit. Du passt hierher.

XenoKid wusste die Antwort auch. Er hatte sie schon gedacht bevor Luca den Mund aufmachte. Er sagte nichts.

Nicht aus Angst. Aus Forscherdrang. Er wollte sehen was passierte, wenn er schwieg.

Was passierte: nichts. Das Unterrichtsschiff fuhr weiter. Luca war der Hafen.

Auf dem Nachhauseweg – sie gingen drei Stationen zusammen, dann trennten sich ihre Wege – sagte Ose: "Hast du das auch gesehen? Mit der Lehrerin?"

"Ja."

"Es war nicht mal böse gemeint."

"Das macht es schlimmer", sagte XenoKid.

Ose blieb einen Schritt hinter ihm, dachte nach. "Weil sie es nicht einmal bemerkt?"

"Weil das System so gebaut ist, dass sie es nicht bemerken muss."

Sie standen an einer Ampel. Roter Mann. Um sie herum das übliche Stadtgeräusch, Motoren und Wind und irgendwo Musik aus einem offenen Fenster.

"Sprache, Kleidung, Sicherheit", sagte Ose. "Die kommen nicht aus dem Nichts."

"Die kommen aus Elternhäusern", sagte XenoKid. "Aus Büchern, die zu Hause im Regal stehen. Aus Gesprächen am Esstisch. Aus der Zeit, die jemand hat, weil er sich keine anderen Sorgen machen muss."

Grüner Mann. Sie gingen.

"Luca macht nichts falsch", sagte Ose.

"Nein. Er hat einfach angefangen mit mehr." XenoKid dachte kurz nach. "Das ist das Problem. Nicht Luca. Das Setup."

Zu Hause, noch bevor er den Rucksack abstellte, öffnete XenoKid das braune Heft. Er strich das Wort durch, das er am ersten Tag geschrieben hatte, Warum, und schrieb darunter: Für wen. Dann darunter: Startlüge.

Er ließ es stehen. Schaute es an. Es stimmte.

Ose schickte ihm abends eine Nachricht: Hab das Netzwerkdiagramm fertig. Kannst du mal schauen? XenoKid antwortete nicht sofort. Er las noch mal was er ins Heft geschrieben hatte.

Für wen.

Das war die eigentliche Frage.

— Dieselbe Schule. Zwei Sprachen. Und nur eine davon war willkommen.
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03
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Ein Mann mit Schlüsselbund. Keine bösen Absichten. Das reicht trotzdem.

Herr Kessel war Mitte vierzig und sah aus wie jemand, der nie etwas anderes gewollt hatte. Kurz geschorene Haare, ein Poloshirt mit dem Schullogo, ein Schlüsselbund der bei jedem Schritt klang. Er lief die Flure ab wie ein Uhrwerk. Nicht aus Pflichtgefühl. Aus Überzeugung. Ordnung schafft Rahmen, Rahmen schafft Raum, das hatte er irgendwo gelesen oder so oft gesagt dass er vergessen hatte woher es kam.

Es war die zweite Schulwoche. Deutschunterricht, drittes Stockwerk. Der Raum war heiß und die Luft stand still. Die Lehrerin sprach über Syntax, XenoKid hörte zu aber der Heizungslärm aß die Hälfte der Sätze. Er zog die Kapuze hoch. Nicht als Statement. Weil er die Wärme brauchte, die er selbst mitbrachte.

"Die Kapuze."

Herr Kessel stand in der Tür. Er hatte nicht angeklopft. Er stand einfach dort, Schlüsselbund still, Blick auf XenoKid gerichtet.

Die Lehrerin unterbrach sich mitten im Satz.

"Kapuze ab", sagte Kessel. "Hier gibt es Regeln."

Dreißig Köpfe drehten sich. XenoKid spürte das als Gewicht. Nicht Scham, noch nicht, aber das Bewusstsein dass alle zuschauten, dass dieser Moment für alle ein Bild wurde. Er, die Kapuze, Kessel in der Tür.

Ose saß zwei Reihen weiter. XenoKid sah ohne hinzuschauen wie er die Hände auf den Tisch legte, eine kleine Geste, der Ansatz etwas zu sagen. Dann ließ er es. Das Risiko war sichtbar. Kessel war nicht der Typ dem man einfach widersprach.

XenoKid zog die Kapuze ab. Langsam. Ohne Eile, ohne Drama. Er sagte nichts.

Sein Blick sagte es.

Kessel hielt den Blick einen Moment. Nickte kurz, als hätte er etwas bestätigt. Dann ging er weiter. Schlüsselbund klang im Flur.

Die Lehrerin räusperte sich. Weitermachen.

Nachmittags saßen XenoKid und Ose auf der Treppe hinter dem Sportgebäude. Ose hatte seinen Laptop auf, aber er tippte nicht. Er schaute auf den Bildschirm ohne etwas zu tun.

"Tut mir leid", sagte er. "Dass ich nicht..."

"Ist gut."

"Ich hab das Risiko gesehen und—"

"Ose." XenoKid schaute ihn an. "Ist gut."

Sie schwiegen eine Weile. Irgendwo pfiff ein Vogel. Das Schulgelände war schon fast leer.

"Weißt du was das Schlimmste ist?", sagte XenoKid schließlich. "Er glaubt das. Er glaubt wirklich, dass das wichtig ist. Die Kapuze. Die Regel. Er hat das nicht gemacht um mich zu demütigen. Er hat es gemacht weil er daran glaubt."

"Ordnung schafft Rahmen", sagte Ose, halbironsich.

"Genau. Und sein Rahmen sieht vor, dass Leute wie ich eine bestimmte Form haben. Und wenn die Form nicht passt, dann ist das nicht sein Rahmen der falsch ist." XenoKid pausierte. "Dann bin ich falsch."

Ose zog die Brille ab, putzte sie am Hemd, setzte sie wieder auf. "Warum machst du das nicht einfach so wie alle? Die Kapuze weg, kein Aufsehen."

XenoKid antwortete nicht sofort. Er schaute auf die Betonplatten vor ihnen, die Risse dazwischen, das Gras das sich durchgedrückt hatte.

"Weil ich dann aufhören müsste zu denken."

Ose nickte langsam. Nicht zustimmend unbedingt. Eher: einordnend. Als wäre eine Zeile in seiner Tabelle jetzt vollständig.

"Er war auch schon bei dem kleinen Schüler aus 8b", sagte Ose nach einer Weile. "Moritz. Der sitzt immer allein in der Kantine. Kessel hat ihn letzte Woche aus der Bibliothek rausgeschickt, obwohl Bibliothek offen war. Hat so getan als wäre das Regel."

XenoKid sagte nichts dazu. Aber er schrieb abends ins Heft: Kessel. Kein Feind. Kein Bösewicht. Schlimmer: ein Überzeugter.

Darunter schrieb er: Die Kapuze bin ich. Wenn sie die Kapuze nehmen, nehmen sie den Gedanken.

Er ließ die Seite offen auf dem Tisch liegen. Das erste Mal schrieb er etwas, das sich wie Beweis anfühlte.

— Er hat nichts Böses getan. Er hat nur 'Hier gibt es Regeln' gesagt. Das reichte.
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04
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Beton fragt nicht. Beton hält nur die Last. Menschen auch. Aber Menschen nennen es etwas anderes.

Es war Ose der das Dach gefunden hatte. Technisch gesehen war es das Flachdach des Nebengebäudes, über eine halboffene Tür im vierten Stock erreichbar, die niemand abzusperren sich die Mühe machte weil da angeblich eh nichts war. Ose hatte es beim Herumstöbern entdeckt, zwei Wochen nach dem Schulstart, und XenoKid am nächsten Tag dorthin geführt. Hier, hatte er einfach gesagt und die Tür aufgemacht.

Kein Sonnenuntergang. Kein Kitsch. Grauer Himmel über Industrie, Schornsteine, Antennen, Dächer aus Schiefer und Blech. Die Stadt wie sie war, ohne Filter. XenoKid hatte sich auf die Betonkante gesetzt und lange geschwiegen.

Jetzt kamen sie öfter hierher. Nach der Schule, manchmal in der großen Pause wenn der Rest der Schule unten auf dem Hof stand. Ose brachte seinen Laptop und arbeitete. XenoKid brachte das braune Heft.

An diesem Nachmittag saß XenoKid mit dem Heft auf den Knien und schrieb, und Ose saß einen halben Meter daneben und schaute auf seinen Bildschirm. Stille die angenehm war. Die Art Stille die man sich verdienen muss.

"Was ist das?" Ose nickte zum Heft, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen.

"Fragen."

"Über was?"

"Über alles." XenoKid pausierte. "Heute: über Regeln. Wer macht sie. Warum so. Wer hätte sie auch anders machen können."

Ose lehnte sich zurück. Schaute in den Himmel. "Darf ich?"

XenoKid reichte ihm das Heft.

Ose las. Langsam. Er war kein schneller Leser wenn es darauf ankam, er las dann Zeile für Zeile. Einmal las er eine Seite nochmal. XenoKid schaute auf die Stadt unter ihnen, auf die Fenster der Wohnblocks die sich aneinanderreihten wie Pixel auf einem schlechten Monitor.

"Das sind zu viele Fragen für einen Menschen", sagte Ose schließlich.

"Ich hab mehr."

Ose gab das Heft zurück. Er klappte dann seinen Laptop auf und tippte kurz etwas, XenoKid fragte nicht was. Nach einer Weile drehte Ose den Bildschirm zu ihm. Ein kleines Script. Zwanzig, dreißig Zeilen.

"Mein erstes richtiges Projekt", sagte Ose. "Seite für einen lokalen Verein. Kein Geld. Aber ich hab es fertig gekriegt."

XenoKid schaute auf den Code. Er verstand ihn nicht, aber er sah die Struktur: Zeilen die aufeinander aufbauten, Logik die aufeinander wartete.

"Du baust das Gerüst", sagte XenoKid. "Ich schreibe Fragen."

"Wir brauchen beides."

XenoKid lehnte sich zurück. Weit unten, drei Stockwerke tiefer, kam gerade ein Lehrer aus dem Gebäude. Er beobachtete kurz: der Lehrer hatte ein Klemmbrett unter dem Arm, ging zügig zu einem anderen Gebäude. XenoKid kannte ihn. Herr Brandt, Mathematik. Letzten Freitag hatte er einen Schüler ausgelacht, sanft, fast freundlich, wegen einer falschen Antwort. Den Schüler kannte XenoKid auch: armer Kerl aus der 9a, immer dieselbe Jacke. Dann hatte Luca dieselbe Frage falsch beantwortet, eine Woche später, und Brandt hatte es korrigiert ohne Kommentar.

Er schrieb es ins Heft. Nicht als Klage. Als Datenpunkt.

"Wer profitiert von dieser Regel?" Er sprach halb zu sich selbst, halb zu Ose. "Das ist die eigentliche Frage. Nicht ob die Regel richtig ist. Sondern wem sie nützt."

Ose schaute von seinem Laptop hoch. "In der Informatik nennen wir das Absicht des Entwicklers."

"Und?"

"Manchmal ist der Entwickler vergessen worden. Aber das System läuft trotzdem."

Der Wind kam kurz, brachte Stadtgeruch mit, Abgas und irgendetwas Frittiertes aus einem Restaurant irgendwo unten. Dann war es wieder still.

XenoKid schrieb weiter. Die Fragen wurden präziser. Nicht mehr nur Wer und Warum, sondern: Wem nützt es wenn ich angepasst bin? Was verliere ich wenn ich aufhöre zu fragen? Was kostet das Fragen?

Abends unter dem Kopfkissen.

Er schlief nicht sofort. Er lag im Dunkeln und ließ die Fragen laufen wie ein Programm das er nicht stoppen wollte.

Das Dach war kein Ort für Antworten. Es war ein Ort für saubere Fragen. Und saubere Fragen waren der Anfang von allem.

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05
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Alle tun so, als hätten sie es getan. Die Gene wurden vor dir entschieden. Alles danach nennen sie Freiheit.

Der Lehrer schrieb Mendel an die Tafel. Erbgang. Dominante Gene. Rezessive Gene. Merkmale die weitergegeben werden, Eigenschaften die sich über Generationen verschieben. Er sprach gleichmäßig, Kreide auf Grün, der Unterricht lief ab wie immer.

XenoKid schrieb mit. Dann, irgendwo in der dritten Seite, stoppte sein Stift.

Im Lehrbuch, fast beiläufig, eingeklemmt zwischen zwei Diagrammen: Persönlichkeitseigenschaften sind zu 40 bis 50 Prozent genetisch bedingt. Zwillingsstudien belegen diese Annahme.

Er unterstrich den Satz. Einmal, zweimal, beim dritten Mal drückte er durch das Papier.

Der Unterricht lief weiter. Ose saß neben ihm, schrieb brav mit, aber XenoKid sah das kurze Innehalten als Ose dieselbe Zeile las. Ose hob kaum merklich die Augenbrauen. Dann schrieb er weiter.

Nach der Stunde, auf dem Weg zur Kantine, sagte XenoKid: "Dann ist das keine Schwäche."

Ose schaute ihn kurz an. "Was?"

"Wie ich bin. Wie ich denke. Dass ich nicht einfach funktionieren kann." XenoKid blieb an einem Wandpfeiler stehen. "Das ist Setup. Das war schon drin, bevor ich gewählt habe."

Ose stellte sich daneben. Um sie herum der Mittagslärm, Stimmen, Stühle, das Klappern von Tabletts.

"Wie in einem Spiel", sagte Ose schließlich. "Manche Charaktere starten mit fünfzig Goldmünzen. Wir mit drei."

"Und dann sagen sie: du hättest mehr sparen sollen."

Kurze Stille. Ose nickte langsam, die Art Nicken die bedeutete er dachte noch.

"Meine Eltern sind nicht arm", sagte er dann. Vorsichtig, als würde er etwas auseinandernehmen das er nicht zerbrechen wollte. "Aber sie arbeiten immer. Beide. Es ist nie Zeit für..." Er brach ab. "Für die Gespräche. Die Gespräche die Luca zu Hause kriegt."

"Über wie die Welt funktioniert."

"Über was man sagen darf. Wie man klingt. Welche Antwort richtig klingt auch wenn der Inhalt derselbe ist."

XenoKid dachte an seine Mutter. Zwei Jobs. Frühschicht und dann die Reinigung abends. Er hatte sie seit drei Tagen nicht bei vollem Licht gesehen. Er dachte daran wie er die Hausaufgaben allein machte, immer, seit er denken konnte, nicht weil sie ihm nicht helfen wollte sondern weil sie nicht da war wenn er brauchte was sie hätte geben können.

Nicht böse. Physik.

"Wir haben nicht dieselben Gene", sagte XenoKid. "Aber wir haben beide nicht die Voraussetzungen gehabt."

"Verschiedene Ausgangslagen. Gleich weit weg vom Zielzustand."

Sie gingen weiter. In der Kantine holten sie sich Essen, setzten sich an ihren üblichen Tisch, den Ecktisch am Fenster den niemand sonst wollte weil er zugig war.

Abends schrieb XenoKid ins Heft. Nicht die Schulnotizen, die echten Fragen. Er schrieb: Niemand wählt seine Gene. Niemand wählt seine Familie. Niemand wählt seine Stadt, seine Klasse, seinen Start. Warum behandelt das System jeden so als hätte er alles gewählt?

Darunter, nach einer Pause: Scheitern ist dann kein Versagen. Es ist Physik. Und wenn es Physik ist, kann ich aufhören mich dafür zu bestrafen.

Er las den Satz dreimal. Es stimmte. Es stimmte auf eine Art die wehtut und gleichzeitig Luft lässt.

Am nächsten Morgen zeigte er Ose die Passage. Ose las sie, sagte nichts, las sie nochmal. Dann klappte er den Laptop auf.

"Ich habe das in einen Code übersetzt", sagte er. "Nicht jetzt. Schon letztes Jahr. Ich hab ein kleines Programm geschrieben das Startbedingungen simuliert. Gleiche Aufgabe, verschiedene Startparameter. Die Ergebnisse sind nie gleich."

"Was kommt raus?"

"Dass es vom Setup abhängt. Nicht vom Willen des Programms." Er schaute kurz auf XenoKid. "Programme wollen nicht. Aber wenn sie es könnten, würde Wollen trotzdem nicht reichen."

XenoKid sagte nichts dazu. Aber er schrieb in einer neuen Zeile ins Heft: Erste echte These.

Die Gene wurden vor mir entschieden. Alles danach nennen sie Freiheit.

— Niemand wählt seinen Start. Alle tun so, als hätten sie es getan.
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06
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Sie spricht durch alle, die aufgehört haben zu fragen. Unsichtbarkeit ist die höflichere Version von Auslöschung.

Kessel tauchte in der zweiten Monatshälfte wieder auf. Diesmal nicht für XenoKid. Für Moritz.

Moritz war der Junge aus der 8b, den Ose schon früher erwähnt hatte. Klein, schüchtern, immer dieselbe olivgrüne Jacke. Er saß in der Pause auf dem Fensterbrett im zweiten Stock, Kopfhörer in den Ohren, schaute raus. Tat niemandem etwas.

Kessel blieb stehen. Schlüsselbund still. "Vom Fensterbrett runter. Das ist keine Sitzgelegenheit."

Moritz zog die Kopfhörer raus. Rutschte runter. Sagte nichts, nickte. Kessel ging weiter.

XenoKid hatte das vom Flur aus gesehen. Er schaute kurz zu Ose. Ose hatte seinen Laptop hochgezogen und tippte, aber sein Blick war woanders.

"Er sucht sie", sagte Ose leise. "Die Kleinen. Die die nicht zurückreden."

"Er sucht keine. Er sieht Unordnung."

"Und Moritz ist Unordnung."

"Moritz passt nicht ins Bild." XenoKid lehnte an der Wand, Arme verschränkt. "Wer nicht ins Bild passt, wird zur Störung. Auch wenn er nichts tut."

Nachmittags, bei Ose zu Hause, zeigte Ose ihm was er gefunden hatte. Er hatte Kessel auf LinkedIn gesucht, nur so, aus Neugier, Ose nannte das Recherche. Ordnung schafft Raum für Entwicklung. Das war Kessels Profil-Motto. Vier Verbindungen. Ein Bild in Poloshirt.

XenoKid sah das und lachte. Kurz, scharf, kein glückliches Lachen.

"Er glaubt das sogar."

"Natürlich", sagte Ose. "Das ist das Schlimme."

"Das macht es schlimmer."

Ose klappte den Laptop zu, lehnte sich zurück. "Wenn er es nicht glauben würde, wäre er ein Bösewicht. Das wäre einfacher. Bösewichte kann man benennen."

"Aber so", sagte XenoKid, "ist er ein Überzeugter. Und Überzeugte sind das System. Nicht Ausnahmen davon."

Er dachte an die anderen: den Lehrer der sagte du machst dir das Leben selbst schwer. Die Mutter einer Mitschülerin beim Elternabend die gesagt hatte deine Tochter sollte sich mehr eingliedern, lauter gesagt als gedacht. Den Ausbilder beim Praktikum der sagte wer hier Aufgaben hinterfragt, kommt nicht weit. Alle dieselbe Stimme. Alle dieselbe Überzeugung. Pass dich an. Dann läuft es.

"Das System spricht durch alle", sagte XenoKid. "Nicht nur durch Kessel. Kessel ist nur der lauteste Lautsprecher weil er ein Schlüsselbund hat."

Ose öffnete den Laptop wieder, begann zu tippen. "Ich schreib das auf."

"Wozu?"

"Weil es stimmt. Und weil Dinge die stimmen dokumentiert werden sollten."

XenoKid lehnte sich zurück und schaute zur Decke. Bei Ose war es immer wärmer als bei ihm. Die Wohnung roch nach Essen, nach bewohnten Räumen. Er mochte das.

Am nächsten Tag hatte Kessel seinen zweiten Moment mit XenoKid. Es war im Flur, XenoKid trug wieder die Kapuze, diesmal absichtlich. Nicht als Provokation, als Test. Kessel sah ihn, blieb kurz stehen, dann ging er einfach weiter.

Kein Wort.

XenoKid wartete, ob das besser oder schlechter war. Es war beides. Kessel hatte entschieden dass der Kampf sich nicht lohnte. Kein kleiner Sieg. Nur eine veränderte Taktik.

Ose wartete am Ende des Flurs. "Und?"

"Er hat getan als wäre ich nicht da."

"Das ist sein Sieg", sagte Ose. "Unsichtbar machen ist effektiver als korrigieren."

XenoKid schrieb das abends ins Heft. Kessel muss keine Schritte machen. Er muss nur dafür sorgen, dass bestimmte Leute aufhören zu zählen. Unsichtbarkeit ist die höflichere Version von Auslöschung.

Unten auf der Straße fuhr ein Auto vorbei, Musik laut, dann weg. Stille.

Moritz trug am nächsten Tag keine Kopfhörer mehr.

— Die Norm braucht kein Gesicht. Sie spricht durch alle die aufgehört haben zu fragen.
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07
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Er hat gewollt. Wirklich gewollt. Wille ist kein Aufzug. Er bringt dich nur so weit wie das Gebäude hochgeht.

Es war Oses Idee gewesen. Oder besser: Ose hatte einen Begriff dafür gehabt. Feldtest. Er hatte gesagt: Wenn du wissen willst ob das System reagiert, musst du die Variable isolieren. Du änderst eine Sache und schaust was passiert. Das ist Wissenschaft.

XenoKid hatte einen Monat lang funktioniert.

Kapuze weg. Fragen drinnen. Er hatte die Hände gehoben wenn Fragen gestellt wurden. Er hatte Hausaufgaben abgegeben, ordentlich, komplett. Er hatte Lehrern nachgenickt, nicht weil er zustimmte, sondern weil Nicken die Sprache war die hier gesprochen wurde. Er hatte versucht, ein Gespräch mit Luca zu führen, über Fußball, obwohl ihm Fußball egal war. Das Gespräch hatte funktioniert. Nichts weiter.

Ose hatte das alles dokumentiert. In seiner Tabelle. Variablen, Reaktionen, Ergebnisse.

Am Ende des Monats saßen sie bei Ose zu Hause auf dem Boden, Ose mit dem Laptop, XenoKid auf dem Teppich mit dem Rücken gegen die Wand. XenoKid war erschöpft auf eine Art die sich von normaler Müdigkeit unterschied. Nicht körperlich. Innerlich. Wie jemand der einen ganzen Tag eine Sprache gesprochen hat die nicht seine ist.

"Ich habe alles gemacht was sie wollen", sagte XenoKid.

"Ich weiß." Ose schaute auf den Bildschirm.

"Und?"

Ose drehte den Laptop zu ihm. Das Diagramm war einfach: zwei Spalten, XenoKid, Luca. Zeilen für verschiedene Kategorien: Lehrerfeedback, Gruppeneinladungen, Wahrgenommenwerden im Unterricht, Zugangszur Infostruktur der Klasse, wer hatte schon von welchem Ereignis gewusst bevor es offiziell war. Die Zahlen in XenoKids Spalte hatten sich kaum bewegt.

"Das ist kein Leistungsproblem", sagte Ose. "Das ist ein Zugangsproblem."

XenoKid starrte das Diagramm an. Nicht überrascht. Aber trotzdem. Die Daten zu sehen war anders als es zu ahnen.

"Ich habe dieselbe Leistung gebracht", sagte er.

"Du hast mehr Leistung gebracht. Du hast dazu noch die Sprache gelernt, die Codes, die Gesten. Das kostet extra. Die anderen machen das nicht extra. Die machen das einfach."

"Weil sie nie etwas anderes gelernt haben."

"Weil sie nie etwas anderes gelernt haben", bestätigte Ose.

Stille. Irgendwo in der Wohnung lief ein Fernseher, gedämpft, Oses Eltern im Wohnzimmer.

"Ich bin immer noch nicht von dort", sagte XenoKid. Nicht bitter. Nur präzise.

"Von dort kommt man nicht durch mehr Arbeiten." Ose schloss den Laptop. "Von dort kommt man wenn man die richtigen Türen hat. Oder wenn man neue baut."

"Neue bauen."

"Das klingt mehr nach uns."

XenoKid lehnte den Kopf gegen die Wand. Er hatte einen Monat Energie in einen Test gesteckt und der Test hatte bestätigt was er schon wusste und trotzdem hatte er es machen müssen. Manche Wahrheiten muss man erst erfahren bevor man sie weiß.

"Das System belohnt was es produziert hat", sagte er. "Luca ist das Produkt. Ich bin der Fremdkörper. Mein Wille ändert das nicht. Mein Wille ist Strom ohne Steckdose."

"Die Energie ist da", sagte Ose. "Sie kommt nur nirgendwo an."

XenoKid stand auf. Zog die Jacke an. Es war Zeit nach Hause.

An der Tür blieb er stehen. "Danke für das Diagramm."

"Dafür ist Wissenschaft da." Ose schaute ihn von der Couch aus an. "Was jetzt?"

"Jetzt weiß ich, was ich nicht tun werde." XenoKid öffnete die Tür. "Den richtigen Kampf muss ich noch finden."

Er ging. Die Treppe hinunter, raus in die Kälte. Der Herbst war fast vorbei. Der Winter kam in dem Betonviertel früher an als anderswo, das hatte er schon letztes Jahr gelernt, die Kälte staute sich zwischen den Wohnblocks.

Kein Drama. Nur Stille. Und eine neue These im Heft: Wille ist notwendig. Aber er ist nicht hinreichend. Das ist der Unterschied zwischen Erschöpfung und Niederlage.

— Wille ist kein Aufzug. Er bringt dich nur so weit wie das Gebäude hochgeht.
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Er hat sich lange versucht, in eine Form zu pressen, die nie für ihn gemacht war. Heute bricht die Form.

Er hat sich lange versucht, in eine Form zu pressen, die nie für ihn gemacht war.

Heute bricht die Form.

Moritz saß in der letzten Reihe und sagte nichts. Er sagte seit Wochen nichts, und XenoKid hatte das beobachtet wie man einen langsamen Prozess beobachtet, den man nicht stoppen kann aber auch nicht aufhören kann anzusehen. Heute, in der Doppelstunde Geschichte, hatte Moritz die Hand gehoben. Einmal, kurz, fast sofort wieder runter. Die Lehrerin hatte ihn nicht gesehen oder hatte getan als sähe sie ihn nicht.

Kessel kam in der Mittagspause. Keine Stunde später. Nicht für Moritz, dieses Mal, aber für den Tisch wo Moritz saß, im Innenhof, zu nah an der Hauswand. Kein Sitzen dort, Sicherheitsabstand. Moritz packte wortlos sein Brot ein.

XenoKid hatte das Brot in der Hand und schaute zu.

Etwas bewegte sich in ihm. Nicht Wut. Präziser als das.

Er stand auf.

"Er sitzt da schon jeden Tag."

Kessel drehte sich um. Schlüsselbund still. "Das ändert nichts an der Regel."

"Welche Regel." Es war keine Frage.

"Sicherheitsabstand zur Hauswand. Fünfzig Zentimeter."

"Der Tisch steht seit September dort."

Kurze Pause. Kessel schaute XenoKid an, dann Moritz, dann XenoKid. Die Situation war ein Gleichgewicht das Kessel nicht erwartet hatte.

"Dann stellen wir den Tisch um."

"Oder", sagte XenoKid, "wir stellen fest, dass der Tisch niemandem schadet und lassen Moritz in Ruhe essen."

Ose stand zwei Schritte hinter XenoKid. Er hatte den Laptop weggepackt. Er hatte den Augenblick richtig gelesen.

Kessel ließ einen kurzen Moment vergehen. Lang genug um klarzumachen dass er entschied. "Mittagspause endet für euch beide hiermit. Klassenzimmer, sofort. Nachsitzen Freitag. Elterngespräch wird anberaumt."

Er ging.

Moritz schaute XenoKid an. Sagte nichts. Packte dann doch seinen Rucksack und ging.

Ose trat neben XenoKid. "Das war dumm."

"Nein." XenoKid schaute Kessel nach, dem Rücken, dem Schlüsselbund. "Das war das Erste das ehrlich war."

Das Elterngespräch fand drei Tage später statt. XenoKids Mutter kam direkt von der Frühschicht, noch in der Arbeitskleidung, müde auf eine Art die XenoKid in ihr Gesicht eingearbeitet sah. Sie saßen Kessel gegenüber, kleiner Tisch im Flur des Lehrerzimmers, Stuhl an Stuhl.

"Ihr Sohn hat ein Problem mit Autorität", sagte Kessel. Sachlich. Fast freundlich.

XenoKids Mutter nickte langsam. Sie sagte nichts sofort, was ihre Art war wenn sie nachdachte.

"Er hat einen Mitschüler verteidigt", sagte sie schließlich.

"Er hat eine Situation eskaliert."

"Weil ein Junge sein Essen nicht essen durfte."

Kessel erklärte die Regel. Sicherheitsabstand. Ordnung im Schulbetrieb. Die Mutter hörte zu. XenoKid saß daneben und schaute auf seine Hände.

Auf dem Weg raus, im Treppenhaus, sagte seine Mutter: "Du könntest dir das Leben leichter machen."

XenoKid blieb stehen. Er kannte diesen Satz. Er hatte ihn in verschiedenen Mündern gehört, von verschiedenen Menschen, und er hatte immer dasselbe gemeint: Biege dich. Dann tut es nicht mehr so weh.

"Ich weiß", sagte er. "Ich will es aber richtig machen."

Seine Mutter schaute ihn an. Einen langen Moment. Er wusste nicht ob Erschöpfung oder Anerkennung darin war. Wahrscheinlich beides.

Abends war Ose auf dem Dach. XenoKid fand ihn dort, Laptop zugeklappt, einfach dasitzen. Die Stadt unter ihnen, Winter fast angekommen, die Lichter der Wohnblocks nebeneinander in der Dunkelheit.

"Was jetzt?", fragte Ose.

XenoKid schaute auf die Lichter. Hinter jedem ein Zimmer. Hinter jedem Zimmer eine Geschichte, ein Setup, eine Startbedingung die niemand gewählt hatte. Das Betonviertel erstreckte sich bis dort wo es dunkel wurde, und dahinter war mehr davon.

"Jetzt fangen wir an zu verstehen."

Nicht Sieg. Erster Bruch mit dem, was war. Der Rest der Saga lag noch vor ihnen, aber das hier war der Punkt wo XenoKid aufgehört hatte, in eine Form zu passen, die nie für ihn gemacht worden war. Das war kein Triumph. Es war ein Anfang. Und Anfänge kosten.

Die Stadt blinkte unten. Keiner von ihnen sagte etwas mehr.

— Nicht Sieg. Erster Bruch mit dem, was war.
DER BETON FRISST KINDER
HYPNAGOGIA
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