Kapitel 6: Warum Verstän
dnis nicht zur Lösung führt – Die Grenzen der Empathie
Die Illusion der therapeutischen Lösung
Die moderne Psychotherapie verspricht, dass Verstehen zu Veränderung führt. Wenn man die eigenen Muster versteht, kann man sie ändern. Wenn man den Partner versteht, kann man Kompromisse finden. Diese Logik ist plausibel für viele Probleme – aber nicht für alle.
Sie funktioniert, wenn das Problem auf falschen Annahmen, Missverständnissen oder erlernten Verhaltensweisen beruht. Wenn ein Partner nicht weiß, dass sein Verhalten verletzend ist, kann Kommunikation helfen. Wenn ein Partner aus Angst reagiert, kann Therapie die Angst adressieren. Wenn ein Konflikt auf kulturellen Missverständnissen beruht, kann Aufklärung helfen.
Aber wenn das Problem neurobiologische Inkompatibilität ist, hilft Verstehen nur begrenzt. Der proaktive Partner kann verstehen, dass der reaktive Partner nicht aus Böswilligkeit passiv ist. Der reaktive Partner kann verstehen, dass der proaktive Partner nicht kontrollierend ist, sondern getrieben. Dieses Verstehen reduziert Schuldzuweisungen, es macht die Dynamik rationaler – aber es ändert sie nicht.
Die Forschung zur Paartherapie zeigt gemischte Ergebnisse. Etwa 50 Prozent der Paare profitieren langfristig, die andere Hälfte nicht (Baucom et al., 1998). Die Frage ist: Warum funktioniert es für manche und nicht für andere? Eine plausible Hypothese: Es funktioniert, wenn das Problem lösbar ist – und es funktioniert nicht, wenn die Inkompatibilität fundamental ist.
Verstehen ersetzt Wut durch Traurigkeit
Was Verstehen leistet, ist emotionale Transformation. Wenn der proaktive Partner erkennt, dass der reaktive Partner nicht böse ist, sondern anders organisiert, ersetzt das Wut durch Traurigkeit. Wut setzt voraus, dass der andere anders handeln könnte, wenn er wollte. Traurigkeit akzeptiert, dass der andere nicht anders kann.
Diese Transformation ist psychologisch wertvoll. Wut ist energetisch aufwendig, zerstört Intimität, führt zu Eskalation. Traurigkeit ist passiver, erhält Verbindung, ermöglicht Abschied. Wer versteht, warum der Partner ist, wie er ist, kann aufhören zu kämpfen. Er kann akzeptieren, dass Veränderung nicht möglich ist – nicht, weil der Partner nicht will, sondern weil sein System nicht anders kann.
Aber Traurigkeit löst das Problem nicht. Sie macht die Enttäuschung nur erträglicher. Der proaktive Partner trägt weiterhin die Last, der reaktive Partner bleibt weiterhin passiv. Die Dynamik bleibt asymmetrisch, nur die emotionale Reaktion ändert sich.
Das kann paradoxerweise die Beziehung stabilisieren – aber zum Preis der Resignation. Der proaktive Partner gibt seine Hoffnung auf Gleichwertigkeit auf. Er akzeptiert, dass er allein verantwortlich sein wird. Diese Akzeptanz ist nicht Heilung, sondern Anpassung an eine unbefriedigende Realität.
Die Hoffnung auf Veränderung durch Einsicht
Viele proaktive Partner hoffen, dass der reaktive Partner sich ändert, wenn er nur versteht, wie belastend die Asymmetrie ist. Diese Hoffnung ist verständlich, aber meist unrealistisch. Verstehen ändert nicht die motivationale Architektur.
Der reaktive Partner kann intellektuell verstehen, dass der proaktive Partner überlastet ist. Er kann versprechen, mehr beizutragen. Er kann sich vornehmen, proaktiver zu werden. Aber Vorsätze ändern nicht das dopaminerge System, nicht den ACC, nicht den PFC. Sie ändern nicht, wann und wie intensiv sein Gehirn auf Diskrepanzen reagiert.
Das Ergebnis: Der reaktive Partner bemüht sich eine Weile, aber die Anstrengung ist nicht nachhaltig. Ohne intrinsische Motivation – ohne inneren Druck, der das Handeln automatisiert – bleibt Proaktivität eine bewusste Anstrengung. Und bewusste Anstrengung ist energetisch teuer und über lange Zeiträume nicht durchhaltbar.
Studien zur Verhaltensänderung zeigen, dass extrinsische Motivation (z.B. den Partner glücklich zu machen) kurzfristig funktioniert, aber langfristig schwach ist (Deci & Ryan, 1985). Nur intrinsische Motivation – die aus dem eigenen Wertesystem kommt – ist stabil. Wenn der reaktive Partner nicht intrinsisch den Wert von Prävention, Planung, Antizipation sieht, wird er langfristig nicht proaktiv sein.
Warum Kompromisse nicht funktionieren
Die übliche Empfehlung bei Unvereinbarkeiten lautet: Findet einen Kompromiss. Aber Kompromisse setzen voraus, dass beide Positionen gleichwertig verhandelbar sind. Bei neurobiologischer Inkompatibilität ist das nicht der Fall.
Ein Kompromiss könnte sein: "Der proaktive Partner übernimmt Aufgabe A, der reaktive Partner übernimmt Aufgabe B." Aber was passiert, wenn Aufgabe B nicht gemacht wird, weil der reaktive Partner sie nicht als dringend empfindet? Der proaktive Partner erleidet innere Spannung, übernimmt schließlich doch – und der Kompromiss kollabiert.
Ein anderer Kompromiss: "Der reaktive Partner wird sich mehr bemühen." Aber "mehr bemühen" ist vage, nicht messbar, nicht durchsetzbar. Wer entscheidet, was "genug" ist? Der proaktive Partner, dessen Standards hoch sind? Der reaktive Partner, dessen Standards niedriger sind? Die Diskrepanz bleibt.
Der fundamentale Grund, warum Kompromisse scheitern, ist: Man kann nicht verhandeln über basale motivationale Systeme. Man kann verhandeln über Aufgabenverteilung, über Zeitpläne, über Ressourcen. Aber man kann nicht verhandeln über die Frage, wann jemand inneren Druck fühlt. Diese Frage ist neurobiologisch festgelegt.
Wenn Therapie zur zusätzlichen Belastung wird
Paartherapie setzt voraus, dass beide Partner bereit sind, an der Beziehung zu arbeiten. Aber oft ist es der proaktive Partner, der die Therapie initiiert, organisiert, durchsetzt. Der reaktive Partner geht mit – aus Liebe, aus Verpflichtung, aus Konfliktvermeidung – aber nicht aus intrinsischem Veränderungswillen.
Das Ergebnis: Die Therapie wird zur weiteren Aufgabe, die der proaktive Partner trägt. Er muss den Partner motivieren, hinzugehen. Er muss die Erkenntnisse umsetzen. Er muss die Übungen einfordern. Die Therapie, die Entlastung bringen sollte, wird selbst zur Belastung.
Zudem setzt Therapie oft voraus, dass beide Partner "Arbeit leisten" – emotional, kognitiv, behavioral. Aber emotionale Arbeit ist für proaktive Menschen natürlich, für reaktive Menschen nicht. Der proaktive Partner reflektiert, analysiert, setzt um. Der reaktive Partner hört zu, nickt, ändert wenig. Die Asymmetrie reproduziert sich im therapeutischen Setting.
Das ist nicht Therapieversagen. Es ist Ausdruck einer Realität, die Therapie nicht ändern kann: Wenn die Motivation, sich zu ändern, asymmetrisch ist, bleibt auch das Ergebnis asymmetrisch. Therapie kann das Problem beleuchten, aber sie kann die neurobiologische Basis nicht transformieren.
Quellen:
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Baucom, D. H., et al. (1998). Empirically supported couple and family interventions for marital distress and adult mental health problems. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 66(1), 53-88. https://psycnet.apa.org/record/1998-01573-005
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Deci, E. L., & Ryan, R. M. (1985). Intrinsic Motivation and Self-Determination in Human Behavior. Springer. https://psycnet.apa.org/record/1986-10637-000