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Kapitel 5 von 10
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Kapitel 5: Die Psychologie der einseitigen Belastung – Wenn Liebe zu Last wird

Das Gefühl, alles allein zu tragen

Der Kern der einseitigen Belastung ist nicht die objektive Menge an Arbeit, sondern das subjektive Erleben, allein verantwortlich zu sein. Selbst wenn der reaktive Partner in manchen Bereichen beiträgt, bleibt das strukturelle Gefühl: "Wenn ich es nicht tue, wird es nicht getan."

Dieses Gefühl ist psychologisch destruktiv, weil es Autonomie eliminiert. Autonomie ist eines der drei Grundbedürfnisse nach der Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan (Deci & Ryan, 2000). Sie beschreibt das Bedürfnis, selbst zu entscheiden, wann, wie und ob man handelt. Wenn Handeln nicht optional ist, sondern zwingend, weil niemand sonst es tut, ist Autonomie verletzt.

Der proaktive Partner erlebt chronischen Zwang. Er möchte nicht immer derjenige sein, der an die Rechnungen denkt, der die Termine plant, der die Konflikte anspricht. Aber wenn er es nicht tut, passiert es nicht. Dieses Erleben ist erschöpfend, nicht weil die Aufgaben schwer sind, sondern weil sie unausweichlich sind.

Studien zu Mental Load zeigen, dass nicht die Menge der Arbeit, sondern die kognitive Last der Verantwortung am belastendsten ist (Daminger, 2019). Wer entscheidet, was getan werden muss, wann es getan wird, wie es getan wird, trägt die mentale Last – auch wenn die Ausführung delegiert wird. In asymmetrischen Beziehungen trägt der proaktive Partner diese Last vollständig, weil der reaktive Partner nicht in Kategorien von "Was muss getan werden?" denkt.

Die emotionale Isolation des Lastträgers

Ein oft übersehener Aspekt einseitiger Belastung ist die emotionale Isolation. Der proaktive Partner kann seine Erschöpfung nicht teilen, weil der reaktive Partner sie nicht versteht. Wenn der proaktive Partner sagt: "Ich bin erschöpft von all der Verantwortung", antwortet der reaktive Partner oft: "Aber niemand zwingt dich dazu" oder "Du machst dir zu viele Gedanken".

Beide Aussagen sind aus Sicht des reaktiven Partners wahr. Er sieht nicht den inneren Zwang, den das proaktive System erzeugt. Er erlebt tatsächlich, dass Probleme sich oft von selbst lösen (weil der proaktive Partner sie löst). Für ihn wirkt die Erschöpfung des Partners wie selbstgewählte Überforderung, nicht wie strukturelle Notwendigkeit.

Diese Diskrepanz erzeugt eine Form von Gaslighting – nicht böswillig, sondern strukturell. Der proaktive Partner erlebt Realität A: "Ich muss alles tragen, sonst bricht es zusammen." Der reaktive Partner erlebt Realität B: "Es läuft doch alles, warum der Stress?" Keine Realität ist falsch, aber sie sind inkompatibel.

Die Folge ist emotionale Einsamkeit. Der proaktive Partner fühlt sich unverstanden, ungesehen, allein. Er kann seine Last nicht teilen, weil der Partner sie nicht sieht. Er kann um Hilfe bitten, aber die Hilfe kommt nicht intrinsisch, sondern nur auf Aufforderung – was die Last nicht reduziert, sondern verschiebt (von Handlung zu Koordination).

Diese Einsamkeit ist destruktiver als die Arbeit selbst. Menschen können enorme Lasten tragen, wenn sie geteilt werden, wenn sie gesehen werden, wenn sie gewürdigt werden (Hobfoll, 1989). Aber wenn die Last unsichtbar bleibt, wenn sie normalisiert wird, wenn sie als Übertreibung abgetan wird, erodiert sie das Selbstwertgefühl.

Wenn Nähe zu Mitverantwortung wird

Ein zentrales Problem proaktiver Menschen ist die Gleichsetzung von Nähe und Mitverantwortung. Wenn sie jemandem nah sind – Partner, Freund, Familienmitglied – fühlen sie sich automatisch mitverantwortlich für dessen Probleme. Diese Haltung ist nicht bewusst gewählt, sondern neurobiologisch verankert.

Das hängt mit der Funktion des ACC (anteriorer cingulärer Kortex) zusammen: Er erkennt Diskrepanzen nicht nur im eigenen Leben, sondern auch im Leben nahestehender Menschen. Wenn der Partner ein Problem hat, aktiviert das ACC des proaktiven Menschen ein Fehlersignal. Die Diskrepanz wird internalisiert, als wäre sie die eigene.

Für den proaktiven Partner bedeutet Liebe: "Dein Problem ist mein Problem." Er sieht, dass der Partner unter Stress leidet, und will helfen. Er sieht, dass der Partner nicht handelt, und übernimmt. Diese Haltung ist altruistisch gemeint, aber sie führt zu chronischer Überlastung.

Der reaktive Partner erlebt Nähe anders. Für ihn bedeutet Nähe: "Du bist da, wenn ich dich brauche." Er internalisiert nicht automatisch die Probleme des Partners. Er kann den Partner leiden sehen, ohne sofort handeln zu müssen. Das ist nicht Gleichgültigkeit, sondern eine andere Form von Empathie: zustandsfokussiert statt handlungsorientiert (siehe Kapitel 3).

Diese Diskrepanz führt zu Asymmetrie in der Fürsorge. Der proaktive Partner trägt nicht nur seine eigenen Probleme, sondern auch die des Partners. Der reaktive Partner trägt primär seine eigenen – und manchmal nicht einmal die vollständig, weil der proaktive Partner präventiv handelt.

Die Unfähigkeit, loszulassen

Proaktive Menschen haben massive Schwierigkeiten, Verantwortung abzugeben. Selbst wenn der reaktive Partner bereit ist zu handeln, kann der proaktive Partner oft nicht loslassen, weil sein System ständig Fehler erkennt, die korrigiert werden müssten.

Wenn der reaktive Partner eine Aufgabe übernimmt – z.B. die Steuererklärung – macht er sie anders als der proaktive Partner. Nicht schlechter, nur anders. Aber für den proaktiven Partner, dessen ACC auf Diskrepanzen reagiert, ist "anders" oft "falsch". Er sieht, dass Optimierungen möglich wären, dass Risiken übersehen werden, dass Dinge suboptimal laufen.

Das erzeugt einen Teufelskreis: Der reaktive Partner übernimmt, der proaktive Partner korrigiert oder übernimmt zurück. Der reaktive Partner lernt: "Meine Beiträge sind nicht gut genug." Der proaktive Partner lernt: "Ich kann es niemandem überlassen." Beide Lerneffekte verstärken die Asymmetrie.

Dieses Muster wird als maternal gatekeeping in der Elternforschung beschrieben: Ein Elternteil (oft die Mutter) kontrolliert, wie Kinderbetreuung gemacht wird, und kritisiert den anderen Elternteil, wenn er es anders macht (Allen & Hawkins, 1999). Das Ergebnis ist, dass der kontrollierte Elternteil sich zurückzieht, weil seine Beiträge nicht gewürdigt werden. Die Kontrolle ist oft nicht böswillig, sondern getrieben von Angst: "Wenn es nicht richtig gemacht wird, gibt es Konsequenzen."

Die Grenze zwischen Fürsorge und Selbstaufgabe

Wann wird Fürsorge zur Selbstaufgabe? Die Grenze ist fließend, aber sie existiert. Fürsorge bedeutet, für andere da zu sein, ohne sich selbst zu verlieren. Selbstaufgabe bedeutet, eigene Bedürfnisse systematisch zu ignorieren zugunsten anderer.

Proaktive Menschen in asymmetrischen Beziehungen überschreiten diese Grenze oft, ohne es zu merken. Sie priorisieren die Bedürfnisse des Partners, weil diese sichtbarer sind als die eigenen. Sie tragen Last, weil Nicht-Tragen innere Spannung erzeugt. Sie erschöpfen sich, weil Stoppen unmöglich erscheint.

Diese Haltung ist strukturell selbstdestruktiv. Sie führt zu Burnout, Resentment, Distanzierung. Der proaktive Partner beginnt, den reaktiven Partner zu verachten – nicht, weil dieser böse ist, sondern weil die Last unerträglich wird. Die Liebe erodiert, weil die strukturelle Ungerechtigkeit das emotionale Band überschreibt.

Die einzige nachhaltige Lösung ist Grenzsetzung. Aber Grenzsetzung ist für proaktive Menschen extrem schwierig, weil ihr System Diskrepanzen nicht ignorieren kann. Wenn sie sehen, dass etwas getan werden muss, und es nicht tun, erleben sie innere Spannung. Diese Spannung ist oft schmerzhafter als die Arbeit selbst.

Das bedeutet: Grenzsetzung erfordert nicht nur Willenskraft, sondern die Fähigkeit, innere Spannung auszuhalten. Das ist neurobiologisch schwer, wenn der ACC hyperaktiv ist. Es ist möglich, aber es erfordert Training, Therapie, oder die Akzeptanz, dass manche Dinge nicht perfekt laufen werden.


Quellen:

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