← Zurück zum Inhaltsverzeichnis | Buchsammlung
Kapitel 5 von 12
10 min Lesezeit

Kapitel 5: Länder als Spiele, Menschen als Charaktere

Die Spielregeln sind gesetzt

Wenn Kontinente Datenträger sind, dann sind Länder die Spiele, die darauf laufen. Jedes Land hat ein spezifisches Regelwerk – Gesetze, Institutionen, Anreizsysteme, Normen – das definiert, wie gespielt wird, wer gewinnt, wer verliert. Diese Regeln sind nicht neutral. Sie bevorzugen bestimmte Strategien, bestimmte Eigenschaften, bestimmte Verhaltensweisen.

In einem kapitalistischen System wird Unternehmertum belohnt, Risikobereitschaft geschätzt, Innovation gefördert. In einem feudalen System wird Loyalität belohnt, Tradition geschätzt, Stabilität gefördert. In einem autokratischen System wird Gehorsam belohnt, Anpassung geschätzt, Unauffälligkeit gefördert. Die Regeln strukturieren, was erfolgversprechend ist und was nicht.

Diese Regeln ändern sich langsam. Eine Gesellschaft kann das Regelwerk nicht beliebig umschreiben, weil das Regelwerk eingebettet ist in Institutionen, Machtstrukturen, kollektive Erwartungen. Eine Verfassung kann geändert werden, aber die informellen Normen, die das tatsächliche Verhalten prägen, ändern sich langsamer. Ein Wirtschaftssystem kann reformiert werden, aber die Netzwerke, die den Markt dominieren, bleiben oft intakt.

Das bedeutet: Wer in einem spezifischen Land lebt, spielt nach Regeln, die er nicht gewählt hat, nicht ändern kann, nicht ignorieren darf. Diese Regeln sind die Realität, innerhalb derer Handeln stattfindet. Wer sie versteht, kann optimieren. Wer sie ignoriert, scheitert.

Menschen als Charaktere: Stats, die nicht gewählt wurden

In jedem Spiel gibt es Charaktere mit unterschiedlichen Eigenschaften – Stärke, Intelligenz, Geschicklichkeit, Charisma. Diese Eigenschaften sind nicht frei wählbar. In einem Rollenspiel wird der Charakter beim Start generiert – durch Würfel, durch Zufall, durch Algorithmen. Der Spieler übernimmt einen Charakter, dessen Stats bereits festgelegt sind.

Die Realität funktioniert ähnlich. Menschen kommen mit unterschiedlichen genetischen Ausstattungen auf die Welt. Diese Ausstattung prägt Intelligenz, Temperament, Persönlichkeit, körperliche Leistungsfähigkeit (Plomin & Deary, 2015). Diese Eigenschaften sind nicht neutral verteilt. Sie folgen einer Normalverteilung – einige Menschen haben hohe Werte, einige niedrige, die meisten liegen in der Mitte.

Diese Verteilung ist nicht gerecht, aber auch nicht ungerecht. Sie ist biologisch. Ein Mensch sucht sich seine Gene nicht aus. Er sucht sich seine pränatale Umwelt nicht aus. Er sucht sich seine frühen Lebensjahre nicht aus. All das formt seine Stats – lange bevor er überhaupt die Kapazität hat, bewusste Entscheidungen zu treffen.

Zusätzlich zu den genetischen Stats gibt es soziale Stats – Startkapital, Netzwerke, Bildung. Ein Kind, das in einer wohlhabenden, gebildeten Familie aufwächst, hat höhere soziale Stats als eines in Armut. Diese Stats sind nicht verdient, sondern vererbt. Sie sind Ergebnis der Lotterie der Geburt.

Die Kombination aus genetischen und sozialen Stats definiert den Ausgangspunkt. Nicht den Endpunkt – aber den Ausgangspunkt. Zwei Menschen mit gleicher Anstrengung erreichen unterschiedliche Ergebnisse, wenn sie unterschiedliche Stats haben. Das ist keine Ungerechtigkeit, sondern Realität.

Rollen im Spiel: Nicht jeder kann Tank sein

In einem Rollenspiel gibt es unterschiedliche Rollen – Tank, Healer, Damage Dealer, Support. Jede Rolle hat spezifische Aufgaben, spezifische Stärken, spezifische Schwächen. Nicht jeder Charakter kann jede Rolle spielen. Ein Charakter mit hoher Verteidigung aber niedriger Intelligenz ist kein guter Magier. Ein Charakter mit hohem Charisma aber niedriger Stärke ist kein guter Krieger.

Gesellschaften funktionieren ähnlich. Es gibt unterschiedliche Rollen – Unternehmer, Angestellter, Handwerker, Intellektueller, Künstler. Jede Rolle erfordert spezifische Eigenschaften. Ein Unternehmer braucht Risikobereitschaft, Selbstvertrauen, Belastbarkeit. Ein Angestellter braucht Zuverlässigkeit, Anpassungsfähigkeit, Teamfähigkeit. Ein Intellektueller braucht Abstraktionsvermögen, Geduld, Selbstdisziplin.

Nicht jeder Mensch ist für jede Rolle geeignet. Das ist keine moralische Aussage, sondern eine funktionale. Ein Mensch mit niedriger Risikobereitschaft wird als Unternehmer scheitern. Ein Mensch mit niedriger Gewissenhaftigkeit wird als Angestellter Probleme haben. Ein Mensch mit niedriger Frustrationstoleranz wird als Forscher aufgeben.

Das moderne Versprechen lautet: Jeder kann alles werden. Die Realität lautet: Jeder kann versuchen, vieles zu werden – aber die Wahrscheinlichkeit, erfolgreich zu sein, hängt von der Passung zwischen Eigenschaften und Rolle ab. Ein falscher Build führt zu Frustration, Überforderung, Scheitern.

Falsche Builds und systemische Fehlpassungen

Ein falscher Build entsteht, wenn ein Charakter eine Rolle spielt, für die seine Stats nicht geeignet sind. Das Spiel erlaubt es, aber es ist ineffizient, frustrierend, oft erfolglos. Ein Magier ohne Intelligenz kann Zaubersprüche sprechen, aber sie werden schwach sein. Ein Tank ohne Verteidigung kann an vorderster Front kämpfen, aber er wird schnell sterben.

In der Realität entstehen falsche Builds durch soziale Erwartungen, ökonomischen Druck, kulturelle Normen. Ein Mensch wird gedrängt, eine Rolle zu übernehmen, die nicht zu seinen Eigenschaften passt. Ein introvertierter, analytischer Mensch wird Verkäufer, weil das Geld bringt. Ein extrovertierter, risikofreudiger Mensch wird Buchhalter, weil es sicher ist. Ein kreativer, unstrukturierter Mensch wird Anwalt, weil die Familie es erwartet.

Diese Fehlpassungen sind nicht individuelles Versagen, sondern systemisches Problem. Das System verspricht, dass jeder alles werden kann, und ignoriert, dass nicht jeder für alles geeignet ist. Das System belohnt bestimmte Rollen überproportional (Unternehmer, Finanzexperte, Tech-Entwickler) und entwertet andere (Pfleger, Lehrer, Handwerker), unabhängig davon, ob die individuellen Stats dazu passen.

Die Konsequenz sind Menschen, die in Rollen gefangen sind, die sie nicht erfüllen können oder wollen. Menschen, die überfordert sind, weil die Anforderungen ihre Kapazität übersteigen. Menschen, die unterfordert sind, weil die Rolle ihre Fähigkeiten nicht nutzt. Menschen, die ausbrennen, weil die Passung nicht stimmt.

Das ist nicht lösbar durch mehr Anstrengung. Ein falscher Build bleibt ein falscher Build, egal wie hart man spielt. Die Lösung wäre Neukalibrierung – eine Rolle finden, die zu den Stats passt. Aber das System macht diese Neukalibrierung schwer: Umschulung ist teuer, Rollenwechsel ist riskant, soziale Erwartungen sind starr.

Systemische Rollenverteilung

Gesellschaften brauchen unterschiedliche Rollen. Nicht jeder kann Anführer sein, nicht jeder kann Innovator sein, nicht jeder kann Künstler sein. Ein System, in dem alle dieselbe Rolle spielen, ist nicht funktional. Arbeitsteilung ist die Grundlage komplexer Gesellschaften (Durkheim, 1893).

Das bedeutet: Es gibt strukturelle Notwendigkeit für eine Verteilung von Rollen. Einige Rollen sind zahlenmäßig begrenzt – es kann nicht jeder CEO sein, nicht jeder Professor, nicht jeder Spitzensportler. Andere Rollen sind massenhaft verfügbar – es braucht viele Pflegekräfte, viele Verkäufer, viele Montagearbeiter.

Diese Verteilung ist nicht zufällig, sondern durch das System strukturiert. Marktwirtschaft belohnt Rollen, die Knappheit und Nachfrage kombinieren. Status belohnt Rollen, die Sichtbarkeit und Einfluss haben. Einkommen belohnt Rollen, die Wertschöpfung generieren – oder zumindest so wahrgenommen werden.

Das Problem ist nicht die Rollenverteilung an sich, sondern die Diskrepanz zwischen Versprechen und Realität. Das System verspricht, dass jeder aufsteigen kann, aber strukturell ist Aufstieg limitiert. Es gibt nicht genug hochbezahlte, statusreiche, autonome Rollen für alle. Mathematisch unmöglich.

Die Folge ist ein Nullsummenspiel um begrenzte Rollen. Wer gewinnt, verdrängt jemand anderen. Wer verliert, wird in Rollen gedrängt, die weniger belohnt werden. Dieses Spiel wird als Meritokratie verkauft – als würden die Besten gewinnen. Tatsächlich gewinnen diejenigen mit den besten Stats, dem besten Startkapital, der besten Passung zum System.

Das ist nicht moralisch, sondern systemisch. Das Spiel ist so designed. Wer das versteht, hört auf, sich für den Verlust zu hassen. Wer das ignoriert, internalisiert Scheitern als persönliches Versagen.


Quellen:

42%