Kapitel 4: Kontinente, Kulturen und Systeme
Geographie als Schicksal
Nicht alle Regionen der Erde bieten dieselben Voraussetzungen für menschliche Zivilisation. Die Verteilung von Klima, Ressourcen, navigierbaren Flüssen, domestizierbaren Tieren und kultivierbaren Pflanzen ist nicht gleichmäßig. Diese geographischen Faktoren haben die Entwicklung von Gesellschaften über Jahrtausende geprägt – und tun es bis heute.
Jared Diamond argumentiert in Guns, Germs, and Steel (Diamond, 1997), dass die globale Ungleichheit zwischen Zivilisationen nicht auf biologische Unterschiede zurückzuführen ist, sondern auf geographische Ausgangsbedingungen. Eurasien verfügte über mehr domestizierbare Tierarten (Pferde, Rinder, Schweine) und Pflanzen (Weizen, Gerste) als andere Kontinente. Die Ost-West-Ausrichtung ermöglichte schnelle Verbreitung von Technologien entlang ähnlicher Klimazonen. Diese Faktoren führten zu dichteren Bevölkerungen, komplexeren Gesellschaften, fortschrittlicheren Technologien.
Dieser Vorsprung war nicht moralisch verdient. Er war geographisches Glück. Die Konsequenzen sind bis heute sichtbar: Länder, die auf günstigen geographischen Bedingungen aufbauen konnten, dominieren wirtschaftlich, militärisch, technologisch. Länder, die unter ungünstigen Bedingungen starteten, holen nur langsam auf – wenn überhaupt.
Geographie ist nicht deterministisch im absoluten Sinne, aber sie ist stark prägend. Ein Land ohne Zugang zu Meer hat strukturelle Nachteile im Handel. Ein Land in tropischen Klimazonen hat höhere Krankheitslast. Ein Land ohne fossile Brennstoffe hatte historische Nachteile in der Industrialisierung. Diese Faktoren können durch Technologie, Handel, Institutionen teilweise kompensiert werden – aber nicht vollständig negiert.
Klima und Kultur
Klima beeinflusst nicht nur Landwirtschaft und Ressourcen, sondern auch soziale Strukturen und kulturelle Normen. In Regionen mit unvorhersehbarem Klima entwickelten sich stärker kollektivistische Kulturen, weil Überleben von Kooperation und Ressourcenteilung abhing (Van de Vliert, 2013). In Regionen mit stabilen, günstigen Bedingungen entwickelten sich individualistischere Strukturen, weil individuelle Autonomie möglich war.
Diese Muster sind statistisch nachweisbar. Länder mit höheren Breitengraden zeigen tendenziell höhere Werte in Eigenschaften wie Planung, Selbstkontrolle, Zukunftsorientierung (Talhelm et al., 2014). Das wird oft als kulturelle Überlegenheit interpretiert, ist aber tatsächlich Anpassung an spezifische Umweltbedingungen. In Regionen mit harten Wintern ist langfristige Planung überlebenswichtig. In Regionen mit ganzjähriger Verfügbarkeit von Nahrung ist sie weniger kritisch.
Diese Unterschiede sind nicht statisch, aber träge. Kultur ist pfadabhängig. Sie baut auf historischen Erfahrungen auf, die über Generationen weitergegeben werden – durch Sprache, Normen, Institutionen. Eine Kultur, die über Jahrhunderte auf Kooperation basierte, wird nicht innerhalb einer Generation individualistisch. Eine Kultur, die auf Hierarchie basierte, wird nicht spontan egalitär. Veränderung ist möglich, aber langsam.
Das bedeutet nicht, dass Kultur Schicksal ist. Es bedeutet, dass Kultur Kontext ist. Menschen handeln nicht im luftleeren Raum, sondern innerhalb kultureller Rahmenbedingungen, die vorgeben, was normal, was akzeptabel, was erstrebenswert ist. Wer diese Rahmenbedingungen ignoriert, versteht nicht, warum dieselben Ideen in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich funktionieren.
Historische Pfade und institutionelle Trägheit
Gesellschaften sind nicht nur durch Geographie und Klima geprägt, sondern auch durch historische Entscheidungen, die langfristige Pfadabhängigkeiten schaffen. Die Wahl eines politischen Systems, eines Rechtssystems, einer Wirtschaftsordnung prägt, welche Entwicklungen möglich sind und welche nicht.
Acemoglu und Robinson argumentieren in Why Nations Fail (Acemoglu & Robinson, 2012), dass Institutionen – also formale und informale Regeln, die Anreize strukturieren – entscheidend für wirtschaftlichen Erfolg sind. "Inklusive" Institutionen, die breite Teilhabe und Eigentumsrechte sichern, führen zu Innovation und Wachstum. "Extraktive" Institutionen, die Macht und Ressourcen konzentrieren, führen zu Stagnation und Ineffizienz.
Diese institutionellen Unterschiede sind nicht zufällig, sondern historisch bedingt. Kolonialismus hat in vielen Regionen extraktive Institutionen etabliert, die bis heute nachwirken. Feudale Systeme haben Eigentumsstrukturen geschaffen, die moderne Entwicklung behindern. Bürokratische Traditionen prägen, wie effizient Staaten funktionieren.
Institutionen sind träge. Sie ändern sich nicht einfach durch Willen oder Ideologie. Sie sind eingebettet in Machtstrukturen, in Erwartungen, in ökonomische Abhängigkeiten. Eine Verfassungsänderung kann auf dem Papier stehen, ohne dass sich die tatsächliche Praxis ändert. Eine Wirtschaftsreform kann beschlossen werden, ohne dass die informellen Netzwerke, die den Markt dominieren, verschwinden.
Systemlogiken: Datenträger mit unterschiedlichen Regeln
Wenn das Universum das Setup ist und die Erde das Abspielgerät, dann sind Kontinente die Datenträger – unterschiedliche Formate mit unterschiedlichen Regeln. Eine DVD spielt nicht auf einem VHS-Player. Ein PC-Spiel läuft nicht auf einer Konsole. Systemlogiken sind inkompatibel.
Diese Metapher beschreibt eine reale Dynamik: Gesellschaftssysteme basieren auf unterschiedlichen Grundannahmen, die definieren, was funktioniert und was nicht. Ein kapitalistisches System funktioniert nach anderen Regeln als ein feudales, ein demokratisches nach anderen als ein autokratisches, ein säkulares nach anderen als ein theokratisches.
Diese Regeln sind nicht moralisch besser oder schlechter – sie sind funktional unterschiedlich. Ein System, das auf Wettbewerb basiert, erzeugt Innovation und Ungleichheit. Ein System, das auf Kooperation basiert, erzeugt Stabilität und Konformität. Ein System, das auf Tradition basiert, erzeugt Kontinuität und Starrheit. Jedes System hat Vor- und Nachteile, abhängig von den Zielen und Kontexten.
Probleme entstehen, wenn Systemlogiken miteinander kollidieren. Wenn ein westliches demokratisches Modell in einer Gesellschaft mit starken tribalistischen Strukturen implementiert wird, funktioniert es nicht wie geplant. Wenn ein chinesisches Modell der zentralen Planung in einer individualisierten Gesellschaft angewendet wird, stößt es auf Widerstand. Wenn ein skandinavisches Wohlfahrtsmodell in einer Gesellschaft ohne Vertrauensbasis etabliert werden soll, erodiert es.
Diese Inkompatibilität ist nicht lösbar durch guten Willen oder bessere Kommunikation. Sie ist strukturell. Unterschiedliche Systeme haben unterschiedliche Logiken, die nicht beliebig kombinierbar sind. Wer das ignoriert, produziert gescheiterte Experimente und enttäuschte Erwartungen.
Die Illusion der Universalität
Ein häufiger Fehler ist die Annahme, dass ein System, das in einem Kontext funktioniert, in jedem Kontext funktioniert. Diese Annahme ist besonders ausgeprägt in der westlichen Entwicklungspolitik, die davon ausgeht, dass Demokratie, Marktwirtschaft und Rechtsstaatlichkeit universell anwendbar sind.
Die Realität widerspricht dieser Annahme. Systeme funktionieren nicht im luftleeren Raum, sondern in spezifischen kulturellen, historischen, institutionellen Kontexten. Ein funktionierendes Rechtssystem setzt Vertrauen in Institutionen voraus. Eine funktionierende Marktwirtschaft setzt Eigentumsrechte und Vertragssicherheit voraus. Eine funktionierende Demokratie setzt eine Kultur der Kompromissbereitschaft und Gewaltenteilung voraus.
Diese Voraussetzungen sind nicht universell gegeben. Sie müssen entwickelt, etabliert, gepflegt werden. Das dauert Generationen, nicht Jahre. Der Versuch, sie durch externe Intervention zu erzwingen, scheitert regelmäßig – siehe Afghanistan, Irak, Libyen. Nicht weil die Ideen falsch sind, sondern weil die Voraussetzungen fehlen.
Das bedeutet nicht, dass Systeme statisch sind. Es bedeutet, dass Systemveränderung pfadabhängig ist. Man kann nicht von A nach Z springen, man muss den Weg über B, C, D gehen. Jede Stufe baut auf der vorherigen auf. Abkürzungen führen zu Instabilität, Rückfall, Kollaps.
Die Kontinente, die Datenträger, haben unterschiedliche Formate – und diese Formate ändern sich nur langsam. Wer das versteht, hört auf, universelle Lösungen zu erwarten. Wer das ignoriert, wird von der Realität widerlegt.
Quellen:
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Diamond, J. (1997). Guns, Germs, and Steel: The Fates of Human Societies. W. W. Norton & Company. https://www.penguin.co.uk/books/36647/
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Van de Vliert, E. (2013). Climates, Cultures, and Beyond. Cambridge University Press.
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Talhelm, T., et al. (2014). Large-scale psychological differences within China explained by rice versus wheat agriculture. Science, 344(6184), 603-608. https://www.science.org/doi/10.1126/science.1246850
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Acemoglu, D., & Robinson, J. A. (2012). Why Nations Fail: The Origins of Power, Prosperity, and Poverty. Crown Publishers. https://www.penguinrandomhouse.com/books/207031/