Kapitel 13: Wörter vermitteln nicht, sie beschreiben – Sprache als Beschreibung, nicht als Übertragung
Die Conduit-Metapher – Eine irreführende Intuition
Menschen denken intuitiv über Sprache als Übertragungsmedium – Worte sind Container, die Bedeutung enthalten, und Kommunikation ist Transfer dieser Container von einem Geist zum anderen. Diese Metapher ist allgegenwärtig: „Ich habe dir meine Gedanken mitgeteilt", „Kannst du diese Idee rüberbringen?", „Das Wort trägt Bedeutung".
Michael Reddy nannte dies die Conduit Metaphor – die Vorstellung, dass Sprache ein Kanal ist, durch den Bedeutung fließt (Reddy, 1979). Diese Metapher ist psychologisch natürlich, aber sie ist empirisch falsch.
Worte enthalten keine Bedeutung. Sie sind keine Container. Sie sind Signale – akustische oder visuelle Muster, die den Hörer veranlassen, eine Bedeutung zu konstruieren. Diese Konstruktion ist nicht passiv (Empfang), sondern aktiv (Rekonstruktion). Der Hörer interpretiert das Signal basierend auf seinem eigenen Erfahrungshintergrund, seinem Kontext, seinen Erwartungen.
Das bedeutet: Kommunikation ist nicht Transfer, sondern Koordination. Der Sprecher produziert ein Signal, das den Hörer veranlasst, eine mentale Repräsentation zu konstruieren. Diese Repräsentation ist nicht identisch mit der des Sprechers. Sie ist eine Annäherung, basierend auf geteilten Konventionen, geteiltem Kontext, geteilter Erfahrung.
Worte als Koordinaten, nicht als Inhalte
Worte sind wie Koordinaten – sie zeigen auf Regionen im konzeptuellen Raum, aber sie definieren diese Regionen nicht präzise. Ein Wort wie „Baum" zeigt auf eine Kategorie von Objekten, aber es spezifiziert nicht, welches Objekt gemeint ist. Der Hörer muss inferieren, welcher Baum – basierend auf Kontext, auf vorherigem Diskurs, auf Weltwissen.
Diese Unbestimmtheit ist nicht Defekt, sondern Eigenschaft. Sprache ist ökonomisch – sie spezifiziert nur so viel, wie notwendig ist für Koordination. Vollständige Spezifikation wäre ineffizient. Ein Sprecher sagt „Gib mir das Buch", nicht „Gib mir das physische Objekt mit rechteckiger Form, gebunden mit Papier, das auf dem Tisch liegt, etwa 20 cm von der Lampe entfernt". Der Hörer inferiert die Details aus dem Kontext.
Diese Inferenz ist nicht algorithmisch, sondern pragmatisch. Der Hörer nutzt Prinzipien wie Relevanz (Sperber & Wilson), Kooperation (Grice), Common Ground (Clark) – er inferiert, was der Sprecher wahrscheinlich meint, basierend auf dem, was relevant, kooperativ, mutual bekannt ist (Sperber & Wilson, 1986; Clark, 1996).
Diese Pragmatik macht Sprache flexibel, aber auch fragil. Wenn Kontext nicht geteilt ist, wenn Erwartungen divergieren, wenn Weltwissen differiert, scheitert Kommunikation. Der Sprecher meint A, der Hörer versteht B. Das ist nicht Fehler, sondern Konsequenz der Rekonstruktionslogik.
Indeterminacy of Translation – Die Unmöglichkeit perfekter Übersetzung
Willard Van Orman Quine argumentierte, dass Übersetzung fundamental indeterminiert ist – es gibt keine eindeutige Übersetzung zwischen Sprachen, weil Bedeutung nicht objektiv fixiert ist (Quine, 1960).
Sein Gedankenexperiment: Ein Linguist beobachtet eine fremde Kultur. Ein Eingeborener sagt „Gavagai", als ein Kaninchen vorbeiläuft. Der Linguist schließt: „Gavagai" bedeutet „Kaninchen". Aber „Gavagai" könnte auch bedeuten „undetached rabbit part", „rabbit stage", „rabbit-hood". Diese Alternativen sind empirisch ununterscheidbar – sie führen zu denselben Übersetzungen in allen Kontexten, aber sie haben verschiedene ontologische Verpflichtungen.
Diese Indeterminacy ist nicht epistemisch (wir wissen es nur nicht), sondern ontologisch (es gibt keine Fakten, die die Frage entscheiden). Bedeutung ist nicht in der Welt, sondern in der Interpretation. Verschiedene Interpretationen sind gleichermaßen konsistent mit der Evidenz.
Das bedeutet: Perfekte Übersetzung ist unmöglich. Jede Übersetzung ist Interpretation. Sie versucht, eine äquivalente Bedeutung zu konstruieren, aber „äquivalent" ist nicht objektiv definiert. Es hängt ab von den Prioritäten des Übersetzers – will er Wort-für-Wort-Treue, will er idiomatische Natürlichkeit, will er konzeptuelle Äquivalenz? Diese Prioritäten sind nicht kompatibel.
Private Language – Die Unmöglichkeit isolierter Bedeutung
Ludwig Wittgenstein argumentierte, dass eine private Sprache – eine Sprache, die nur von einem Individuum verstanden wird – unmöglich ist (Wittgenstein, 1953).
Sein Argument: Bedeutung erfordert Kriterien der Korrektheit. Ein Wort bedeutet etwas, wenn es korrekt oder inkorrekt angewendet werden kann. Aber Korrektheit erfordert externe Kriterien – Kriterien, die nicht vom Individuum selbst gesetzt werden. Wenn ein Individuum allein entscheidet, ob seine Anwendung korrekt ist, gibt es keine Unterscheidung zwischen „korrekt" und „scheint korrekt". Diese Unterscheidung kollabiert, und mit ihr die Bedeutung.
Das bedeutet: Bedeutung ist sozial. Sie existiert nicht in individuellen Geisten, sondern in kollektiven Praktiken. Ein Wort bedeutet, was die Gemeinschaft es bedeuten lässt – durch geteilte Konventionen, geteilte Anwendungen, geteilte Korrekturen. Private Bedeutung ist inkohärent.
Diese Sozialisierung von Bedeutung erklärt, warum Kommunikation trotz Rekonstruktion funktioniert. Menschen teilen Praktiken – sie lernen Sprache durch Interaktion, durch Korrektur, durch Koordination. Diese geteilten Praktiken stabilisieren Bedeutung, auch wenn sie nicht fixieren.
Embodied Language – Bedeutung als verkörpert
Bedeutung ist nicht abstrakt, sondern verkörpert – sie basiert auf sensorischen und motorischen Erfahrungen. Das Wort „Apfel" bedeutet nicht nur eine abstrakte Kategorie, sondern eine verkörperte Erfahrung – die visuelle Erfahrung von Rot, die taktile Erfahrung von Glätte, die gustatorische Erfahrung von Süße.
Diese Verkörperung ist nicht metaphorisch, sondern neurobiologisch. Studien zeigen, dass Sprachverarbeitung sensorische und motorische Hirnregionen aktiviert. Das Wort „kicken" aktiviert motorische Areale, die mit Beinbewegung assoziiert sind. Das Wort „Zimt" aktiviert olfaktorische Areale. Diese Aktivierungen sind nicht epiphänomenal, sondern konstitutiv für Bedeutung (Barsalou, 1999).
Das bedeutet: Bedeutung ist nicht symbolisch (arbiträre Zuordnung von Wörtern zu Konzepten), sondern simulativ (Rekonstruktion sensorischer und motorischer Erfahrungen). Ein Mensch versteht „Apfel", indem er eine Simulation eines Apfels konstruiert – nicht eine abstrakte Definition, sondern eine verkörperte Erfahrung.
Diese Perspektive verbindet mit dem Symbol Grounding Problem (diskutiert in Kapitel 12): Symbole haben Bedeutung, weil sie geerdet sind in verkörperten Erfahrungen. Ohne diese Erdung sind sie leer – syntaktische Muster ohne semantischen Inhalt.
Missverständnis als Norm, nicht als Ausnahme
Wenn Kommunikation Rekonstruktion ist, nicht Transfer, dann ist Missverständnis nicht Ausnahme, sondern Norm. Jede Kommunikation ist approximativ. Der Hörer rekonstruiert nie exakt die mentale Repräsentation des Sprechers. Er rekonstruiert eine Annäherung, beeinflusst von seinem eigenen Hintergrund, seinen eigenen Biases, seinen eigenen Erwartungen.
Diese Approximation ist meist ausreichend. Für Alltagskommunikation – „Gib mir das Salz", „Wie geht's?" – ist präzise Übereinstimmung nicht notwendig. Grobe Koordination reicht. Aber für komplexe Kommunikation – wissenschaftliche Diskussion, juristische Argumentation, philosophische Analyse – ist Missverständnis häufig und folgenreich.
Die funktionale Perspektive ist: Kommunikation erfordert aktives Monitoring. Der Sprecher sollte überprüfen, ob der Hörer versteht. Der Hörer sollte klarstellen, wenn er unsicher ist. Diese Metakommunikation – Kommunikation über Kommunikation – ist nicht optional, sondern notwendig für Präzision.
Das bedeutet: Perfekte Kommunikation ist unmöglich. Aber ausreichende Kommunikation ist möglich – durch iterative Approximation, durch Klarstellung, durch Feedback. Sprache ist nicht perfektes Werkzeug, sondern gutes-genug Werkzeug.
Sprache als Koordinationswerkzeug, nicht als Wahrheitsvehikel
Die traditionelle Perspektive auf Sprache ist referentiell – Worte beziehen sich auf Objekte, Sätze beschreiben Fakten, Wahrheit ist Übereinstimmung mit Realität. Diese Perspektive ist nicht falsch, aber limitiert.
Die pragmatische Perspektive ist: Sprache ist primär Koordinationswerkzeug, nicht Wahrheitsvehikel. Menschen nutzen Sprache, um Handlungen zu koordinieren, um soziale Realität zu konstruieren, um Aufmerksamkeit zu lenken. Wahrheit ist wichtig, aber nicht primär. Effektivität ist primär.
Ein Befehl – „Schließ die Tür!" – ist nicht wahr oder falsch. Er ist erfolgreich oder erfolglos. Eine Frage – „Wie spät ist es?" – ist nicht wahr oder falsch. Sie ist angemessen oder unangemessen. Diese sprachlichen Akte sind nicht deskriptiv, sondern performativ. Sie ändern die Welt, sie beschreiben sie nicht nur (Austin, 1962).
Das bedeutet: Sprache ist multimodal. Sie hat deskriptive Funktion (Fakten beschreiben), aber auch performative Funktion (Handlungen vollziehen), emotive Funktion (Emotionen ausdrücken), soziale Funktion (Beziehungen konstruieren). Diese Funktionen sind nicht reduzierbar aufeinander. Sie koexistieren, sie interferieren, sie definieren die Komplexität der Sprache.
Die Grenzen der Beschreibbarkeit
Nicht alles ist beschreibbar. Manche Erfahrungen – Qualia wie Schmerz, Farbe, Geschmack – sind schwer oder unmöglich sprachlich zu vermitteln. Ein Mensch, der nie Rot gesehen hat, kann nicht verstehen, was „Rot" bedeutet, nur durch Beschreibung. Er kann Wellenlängen lernen, neuronale Mechanismen verstehen, aber er kann nicht die Erfahrung haben.
Diese Grenze ist nicht temporär, sondern strukturell. Sprache beschreibt durch Vergleich, durch Analogie, durch Abstraktion. Aber fundamentale Erfahrungen sind nicht reduzierbar auf Beschreibung. Sie müssen gelebt werden, nicht beschrieben (Nagel, 1974).
Das bedeutet: Sprache ist mächtig, aber nicht allmächtig. Sie kann koordinieren, informieren, strukturieren – aber sie kann nicht alles vermitteln. Manche Erfahrungen bleiben privat, manche Verständnisse bleiben implizit, manche Realitäten bleiben unbeschreiblich. Diese Grenzen zu akzeptieren ist nicht Resignation, sondern Realismus.
Quellen:
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Reddy, M. J. (1979). The conduit metaphor. In A. Ortony (Ed.), Metaphor and Thought (pp. 284-310). Cambridge University Press. https://www.cambridge.org/core/books/abs/metaphor-and-thought/conduit-metaphor/
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Sperber, D., & Wilson, D. (1986). Relevance: Communication and Cognition. Blackwell. https://www.wiley.com/en-us/Relevance%3A+Communication+and+Cognition%2C+2nd+Edition-p-9780631198789
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Clark, H. H. (1996). Using Language. Cambridge University Press. https://www.cambridge.org/core/books/using-language/
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Quine, W. V. O. (1960). Word and Object. MIT Press. https://mitpress.mit.edu/9780262670012/word-and-object/
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Wittgenstein, L. (1953). Philosophical Investigations. Blackwell. https://www.wiley.com/en-us/Philosophical+Investigations%2C+4th+Edition-p-9781405159296
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Barsalou, L. W. (1999). Perceptual symbol systems. Behavioral and Brain Sciences, 22(4), 577-660. https://www.cambridge.org/core/journals/behavioral-and-brain-sciences/article/abs/perceptual-symbol-systems/
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Austin, J. L. (1962). How to Do Things with Words. Harvard University Press. https://www.hup.harvard.edu/catalog.php?isbn=9780674411524
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Nagel, T. (1974). What is it like to be a bat? The Philosophical Review, 83(4), 435-450. https://www.jstor.org/stable/2183914