Kapitel 10: Menschliche Regeln – Konstruierte Ordnungen
Der Unterschied zwischen Natur und Konvention
Menschliche Regeln sind nicht Naturgesetze. Sie sind Konstrukte – erschaffen von Menschen, für Menschen, veränderbar durch Menschen. Diese Unterscheidung ist fundamental. Naturgesetze sind universal, menschliche Regeln sind kontingent.
Gravitation gilt überall. Verkehrsregeln gelten nur dort, wo sie etabliert wurden. Thermodynamik ist unveränderlich. Gesetzestexte können geändert werden. Diese Kontingenz macht menschliche Regeln flexibel – aber auch fragil.
Menschliche Regeln entstehen aus Notwendigkeit. Gesellschaften brauchen Koordination. Koordination erfordert geteilte Erwartungen. Geteilte Erwartungen erfordern Normen, Gesetze, Institutionen. Diese Strukturen sind nicht naturgegeben, sondern sozial konstruiert (Searle, 1995).
Normen als kollektive Fiktionen
Soziale Normen sind kollektive Fiktionen, die funktionieren, weil Menschen an sie glauben. Geld ist Papier mit gedruckten Symbolen – es hat nur Wert, weil alle an seinen Wert glauben. Gesetze sind Texte – sie haben nur Macht, weil alle an ihre Verbindlichkeit glauben. Nationen sind imaginierte Gemeinschaften – sie existieren nur, weil Menschen sich als Mitglieder identifizieren (Anderson, 1983; Harari, 2011).
Diese Fiktionen sind nicht irrelevant. Sie strukturieren Realität. Ein Stück Papier, das "100 Euro" sagt, kann gegen Nahrung getauscht werden. Ein Text, der "Mord ist verboten" sagt, führt zu Gefängnisstrafen. Eine Flagge, die "Deutschland" repräsentiert, motiviert Menschen zu sterben. Die Fiktionen sind real in ihren Konsequenzen, auch wenn sie konstruiert sind in ihrer Entstehung.
Diese Doppelnatur – konstruiert, aber wirksam – macht soziale Realität komplex. Sie ist nicht objektiv wie Physik, aber auch nicht beliebig wie Fantasie. Sie ist intersubjektiv: Sie existiert, weil Menschen gemeinsam an sie glauben.
Die Trägheit sozialer Strukturen
Menschliche Regeln sind theoretisch veränderbar, aber praktisch träge. Sie sind eingebettet in Institutionen, in Machtstrukturen, in kollektive Gewohnheiten. Veränderung ist möglich, aber nicht einfach.
Gesetze können geändert werden durch Parlamente. Aber Parlamente sind selbst Institutionen mit Regeln. Diese Regeln definieren, wie Gesetze geändert werden können. Eine Verfassung kann geändert werden, aber nur durch spezifische Prozeduren, die in der Verfassung selbst definiert sind. Zirkulär, aber funktional.
Normen sind noch träger als Gesetze. Sie werden nicht durch Beschluss geändert, sondern durch kollektive Praxis. Eine Norm, die über Generationen galt, verschwindet nicht, weil eine Generation sie ablehnt. Sie erodiert langsam, über Jahrzehnte, durch kontinuierliche Abweichung.
Diese Trägheit ist funktional. Sie verhindert willkürliche Veränderung. Sie sichert Stabilität. Aber sie verhindert auch notwendige Anpassung. Systeme, die zu träge sind, können nicht auf veränderte Umstände reagieren. Sie werden obsolet, dysfunktional, kollabieren (Tainter, 1988).
Gerechtigkeit als Konstrukt
Gerechtigkeit ist keine Naturkonstante, sondern ein menschliches Konstrukt. Verschiedene Kulturen haben verschiedene Konzeptionen von Gerechtigkeit. Was in einer Gesellschaft gerecht ist, ist in einer anderen ungerecht.
Retributive Gerechtigkeit (Strafe proportional zur Tat) vs. restorative Gerechtigkeit (Wiederherstellung statt Vergeltung) vs. distributive Gerechtigkeit (gerechte Verteilung von Ressourcen) – diese Konzeptionen sind nicht kompatibel. Sie basieren auf unterschiedlichen Werten, unterschiedlichen Prioritäten, unterschiedlichen Weltbildern (Rawls, 1971).
Das bedeutet nicht, dass Gerechtigkeit willkürlich ist. Es bedeutet, dass sie normativ ist – sie hängt von Werten ab, nicht von Fakten. Man kann nicht empirisch beweisen, welche Konzeption von Gerechtigkeit "richtig" ist. Man kann nur argumentieren, welche konsistenter, funktionaler, wünschenswerter ist.
Diese Normativität ist nicht Schwäche, sondern Eigenschaft sozialer Realität. Soziale Regeln sind nicht deskriptiv wie Naturgesetze, sondern präskriptiv. Sie sagen nicht, wie die Welt ist, sondern wie sie sein soll. Und "soll" ist eine Frage von Werten, nicht von Messungen.
Die Grenzen menschlicher Ordnung
Menschliche Regeln sind mächtig, aber nicht allmächtig. Sie können Verhalten strukturieren, aber nicht determinieren. Sie können Anreize setzen, aber nicht Motivation erschaffen. Sie können Ordnung etablieren, aber nicht Natur überschreiben.
Ein Gesetz kann Diebstahl verbieten, aber es kann nicht Begierde eliminieren. Eine Norm kann Höflichkeit fordern, aber sie kann nicht Empathie erzeugen. Eine Institution kann Bildung bereitstellen, aber sie kann nicht Intelligenz erschaffen. Die menschlichen Regeln operieren innerhalb biologischer und psychologischer Grenzen.
Diese Grenzen sind nicht trivial. Sie erklären, warum manche Systeme funktionieren und andere scheitern. Ein System, das mit menschlicher Natur kompatibel ist, ist stabil. Ein System, das gegen menschliche Natur arbeitet, ist fragil. Nicht, weil Menschen unmoralisch sind, sondern weil sie biologisch begrenzt sind.
Kommunismus scheiterte nicht primär, weil die Idee schlecht war, sondern weil sie gegen evolutionäre Motivationssysteme arbeitete. Menschen sind nicht primär altruistisch. Sie sind primär reziprok altruistisch – sie kooperieren, wenn Kooperation belohnt wird. Ein System, das Anstrengung nicht belohnt, demotiviert Anstrengung. Das ist keine Moral, sondern Biologie (Trivers, 1971).
Die Balance zwischen Natur und Konstruktion
Die funktionale Perspektive auf menschliche Regeln ist: Sie sollen mit Natur arbeiten, nicht gegen sie. Sie sollen biologische Tendenzen kanalisieren, nicht ignorieren. Sie sollen realistische Erwartungen setzen, nicht utopische.
Ein Rechtssystem, das Strafe androht, nutzt Verlustaversion – eine evolutionär konservierte Tendenz. Ein Wirtschaftssystem, das Leistung belohnt, nutzt Reziprozität – eine soziale Intuition. Ein Bildungssystem, das Neugier fördert, nutzt intrinsische Motivation – eine kognitive Disposition.
Diese Systeme sind nicht perfekt, aber sie sind funktional. Sie akzeptieren, dass Menschen keine blank slates sind, sondern biologische Systeme mit Präferenzen, Verzerrungen, Grenzen. Sie designen um diese Realität herum, nicht gegen sie.
Das bedeutet nicht biologischer Determinismus. Es bedeutet biologischen Realismus. Menschliche Regeln können Verhalten ändern – aber nur innerhalb des Raums, den Biologie und Psychologie erlauben. Wer diese Grenzen versteht, kann effektiver designen. Wer sie ignoriert, produziert dysfunktionale Systeme.
Quellen:
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Searle, J. R. (1995). The Construction of Social Reality. Free Press. https://mitpress.mit.edu/9780262691918/the-construction-of-social-reality/
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Anderson, B. (1983). Imagined Communities. Verso. https://www.versobooks.com/books/2928-imagined-communities
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Harari, Y. N. (2011). Sapiens: A Brief History of Humankind. Harvill Secker. https://www.ynharari.com/book/sapiens-2/
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Tainter, J. A. (1988). The Collapse of Complex Societies. Cambridge University Press. https://www.cambridge.org/core/books/collapse-of-complex-societies/
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Rawls, J. (1971). A Theory of Justice. Harvard University Press. https://www.hup.harvard.edu/catalog.php?isbn=9780674000780
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Trivers, R. L. (1971). The evolution of reciprocal altruism. The Quarterly Review of Biology, 46(1), 35-57. https://www.jstor.org/stable/1934068