Kapitel 8: Natürliche Selektion – Funktionalität ohne Absicht
Evolution als algorithmischer Prozess
Natürliche Selektion ist kein teleologischer Prozess mit Ziel, sondern ein mechanistischer Algorithmus. Der Algorithmus ist simpel: Variation, Selektion, Reproduktion. Was überlebt, reproduziert sich. Was sich reproduziert, gibt Gene weiter. Was Gene weitergibt, wird selektiert. Dieser Zyklus ist nicht intelligent, nicht intentional, nicht zielgerichtet – aber er produziert Komplexität (Darwin, 1859).
Variation entsteht durch Mutation – Fehler in der DNA-Replikation, Rekombination bei sexueller Reproduktion, Umwelteinflüsse. Diese Variation ist nicht gerichtet. Sie ist zufällig. Manche Mutationen sind vorteilhaft, manche neutral, manche schädlich. Die Verteilung ist probabilistisch, nicht intentional.
Selektion filtert diese Variation. Organismen mit vorteilhaften Traits überleben wahrscheinlicher, reproduzieren sich häufiger, geben ihre Gene proportional häufiger weiter. Dieser Prozess ist nicht Wahl, sondern statistische Differenz. Es gibt keine Absicht, keine Moral, keine Gerechtigkeit – nur differentielle Reproduktion.
Reproduktion perpetuiert erfolgreiche Traits. Was funktioniert, bleibt. Was nicht funktioniert, verschwindet. Über viele Generationen akkumulieren funktionale Traits – nicht weil sie designed wurden, sondern weil sie selektiert wurden (Dawkins, 1976).
Fitness ist relativ, nicht absolut
Fitness ist nicht absolute Überlegenheit, sondern relative Anpassung. Ein Organismus ist fit, wenn er in seiner spezifischen Umwelt überleben und sich reproduzieren kann. In einer anderen Umwelt kann derselbe Organismus unfit sein.
Ein Eisbär ist fit in der Arktis, aber nicht in der Sahara. Ein Kamel ist fit in der Wüste, aber nicht im Ozean. Diese Unterschiede sind nicht moralisch – sie sind kontextuell. Fitness ist Umwelt-relativ, nicht intrinsisch.
Diese Relativität erklärt, warum es keine "höheren" oder "niederen" Organismen gibt. Ein Bakterium ist nicht inferior zu einem Säugetier. Es ist anders angepasst. In vielen Umgebungen sind Bakterien überlegen – sie sind robuster, schneller reproduzierend, metabolisch vielseitiger. Komplexität ist nicht Überlegenheit, sondern Alternative.
Das bedeutet auch: Evolution hat keine Richtung. Sie optimiert nicht für Komplexität, Intelligenz, Bewusstsein. Sie optimiert für Reproduktionserfolg – und Reproduktionserfolg kann durch Simplizität ebenso erreicht werden wie durch Komplexität. Die Idee einer "Leiter der Evolution" ist anthropozentrische Projektion, nicht empirische Realität.
Selektion optimiert für Überleben, nicht für Glück
Evolution selektiert für reproductive fitness, nicht für Wohlbefinden. Ein Organismus kann leiden, solange er sich reproduziert. Er kann Schmerz erfahren, Angst empfinden, Stress erleben – solange diese Erfahrungen sein Überleben erhöhen, werden sie selektiert.
Schmerz ist adaptiv, weil er Gewebeschädigung signalisiert. Angst ist adaptiv, weil sie vor Gefahren warnt. Stress ist adaptiv, weil er Ressourcen mobilisiert. Diese Mechanismen sind evolutionär erfolgreich, aber sie sind nicht angenehm. Evolution kümmert sich nicht um Glück – nur um Reproduktion.
Das erklärt die Diskrepanz zwischen modernem Leben und evolutionären Anpassungen. Menschen sind für Knappheit, Gefahr, soziale Kleingruppen optimiert. Moderne Gesellschaften bieten Überfluss, Sicherheit, anonyme Massen. Die evolutionären Mechanismen sind mismatched – sie reagieren auf Bedrohungen, die nicht mehr existieren, und ignorieren Herausforderungen, die neu sind.
Angststörungen, Depression, Adipositas – all das sind Konsequenzen dieses Mismatches. Nicht, weil Menschen dysfunktional sind, sondern weil die Umwelt sich schneller verändert hat, als Evolution folgen konnte (Nesse, 2019).
Die Grenzen der Anpassung
Evolution ist nicht allmächtig. Sie hat Grenzen – zeitliche, thermodynamische, kombinatorische. Nicht jedes Problem ist evolutionär lösbar. Nicht jede Anpassung ist möglich. Nicht jede Umwelt ist bewohnbar.
Die zeitliche Grenze ist fundamental. Evolution braucht Generationen. Organismen mit langen Generationszeiten passen sich langsam an. Menschen haben eine Generationszeit von etwa 20 bis 30 Jahren. Das bedeutet: Signifikante evolutionäre Anpassungen brauchen Hunderte bis Tausende von Jahren. Die moderne Welt existiert seit etwa 200 Jahren. Das sind 7 bis 10 Generationen – evolutionär ein Wimpernschlag.
Die thermodynamische Grenze ist physikalisch. Jede Anpassung kostet Energie. Komplexere Organismen brauchen mehr Energie, um sich aufrechtzuerhalten. Ab einem gewissen Punkt übersteigen die Kosten den Nutzen. Es gibt eine maximale Komplexität, die thermodynamisch tragfähig ist.
Die kombinatorische Grenze ist mathematisch. Der Raum möglicher Genome ist astronomisch groß. Evolution exploriert diesen Raum nicht systematisch, sondern stochastisch. Sie findet lokale Optima, nicht globale. Das bedeutet: Viele potenzielle Anpassungen werden nie realisiert, weil der Weg dorthin zu lang, zu unwahrscheinlich, zu kostspielig ist.
Evolution ist nicht Fortschritt
Die Idee von evolutionärem Fortschritt ist anthropozentrische Illusion. Evolution hat kein Ziel, keine Richtung, keine Wertung. Sie ist ein Prozess, der Vielfalt produziert – manche Linien werden komplexer, manche simpler, manche bleiben gleich. Keiner dieser Pfade ist "besser" – sie sind verschieden.
Die Bakterien, die vor 3 Milliarden Jahren existierten, sind immer noch hier – nicht weil sie versagt haben, sondern weil sie erfolgreich sind. Sie haben sich nicht zu "höheren" Formen entwickelt, weil sie es nicht mussten. Sie sind perfekt angepasst an ihre Nischen. Mehr Komplexität wäre nicht Fortschritt, sondern Verschwendung.
Menschen sind nicht die "Krone der Schöpfung". Sie sind eine Linie unter Millionen – erfolg
reich in spezifischen Nischen, aber nicht universell überlegen. In vielen Umgebungen sind Menschen hilflos. Sie können nicht unter Wasser atmen, nicht in Wüsten ohne Wasser überleben, nicht in Minusgraden ohne Kleidung. Ihre Anpassungen sind spezifisch, nicht universell.
Diese Desillusionierung ist gesund. Sie beendet anthropozentrische Arroganz. Sie akzeptiert, dass Menschen Teil der Natur sind, nicht deren Zentrum. Sie versteht, dass Evolution kein Narrativ hat – sie ist ein Prozess, amoralisch, azielos, mechanistisch.
Quellen:
-
Darwin, C. (1859). On the Origin of Species. John Murray. https://www.darwin-online.org.uk/
-
Dawkins, R. (1976). The Selfish Gene. Oxford University Press. https://www.penguin.co.uk/books/179/17972/the-selfish-gene/
-
Nesse, R. M. (2019). Good Reasons for Bad Feelings: Insights from the Frontier of Evolutionary Psychiatry. Dutton. https://www.penguinrandomhouse.com/books/533895/