Kapitel 2: Konditionierung und Normen – Programmierung ohne Löschfunktion
Der Mensch als programmierbares System
Menschen sind biologische Systeme, die Information speichern und verarbeiten. Diese Information formt Verhalten, Wahrnehmung, Reaktionsmuster. Jede Erfahrung schreibt Code – und dieser Code ist nicht ohne Weiteres löschbar.
Die Neuroplastizität des Gehirns bedeutet, dass Erfahrungen physische Spuren hinterlassen. Synaptische Verbindungen werden verstärkt oder geschwächt, abhängig von Nutzung. Jede Wiederholung eines Gedankens oder Verhaltens verstärkt die neuronale Bahn, die diesem Muster entspricht (Hebb, 1949). "Neurons that fire together, wire together" – dieses Prinzip ist empirisch robust.
Das bedeutet: Menschen sind keine tabula rasa. Ab dem Moment der Geburt werden sie geformt – durch genetische Prädispositionen, durch frühe Bindungserfahrungen, durch kulturelle Immersion. Diese Formung ist nicht reversibel im Sinne eines Reset-Buttons. Sie kann modifiziert werden, überlagert, kompensiert – aber nicht gelöscht.
Konditionierung ist kontinuierlich. Jede Sekunde des Lebens trägt bei zur Programmierung. Passive Erfahrungen (was einem widerfährt) und aktive Entscheidungen (was man tut) schreiben gemeinsam den Code, der definiert, wer man ist. Dieser Prozess endet nicht. Er akkumuliert über die gesamte Lebensspanne.
Genetik als Basisprogramm
Die genetische Ausstattung ist das Basisprogramm – die Firmware, die beim Start geladen wird. Sie definiert nicht das gesamte Verhalten, aber sie setzt Grenzen und Prädispositionen.
Verhaltensgenetische Studien zeigen, dass etwa 40 bis 50 Prozent der Varianz in Persönlichkeitsmerkmalen genetisch bedingt sind (Bouchard & Loehlin, 2001). Das bedeutet nicht Determinismus, aber es bedeutet, dass genetische Faktoren signifikant sind. Ein Mensch mit genetischer Prädisposition für hohen Neurotizismus wird nicht zwangsläufig ängstlich, aber die Wahrscheinlichkeit ist höher als bei jemandem mit niedriger Prädisposition.
Diese genetische Programmierung ist nicht wählbar. Niemand sucht sich seine Gene aus. Niemand entscheidet, ob er mit hoher Impulsivität, niedriger Frustrationstoleranz, starker Belohnungssensitivität geboren wird. Diese Faktoren sind gegeben – und sie prägen, was überhaupt möglich ist.
Das bedeutet nicht, dass Genetik Schicksal ist. Es bedeutet, dass Genetik den Raum der Möglichkeiten einschränkt. Innerhalb dieses Raums ist Variation möglich – aber der Raum selbst ist nicht frei wählbar.
Frühe Prägung: Die kritischen Fenster
Die frühen Lebensjahre sind besonders prägend, weil das Gehirn in dieser Phase maximal plastisch ist. Bindungserfahrungen, Spracherwerb, soziale Interaktion – all das formt neuronale Strukturen, die langfristig stabil bleiben.
Die Bindungstheorie beschreibt, wie frühe Beziehungserfahrungen interne Arbeitsmodelle schaffen, die spätere Beziehungen prägen (Bowlby, 1969). Ein Kind, das sichere Bindung erfährt, entwickelt Vertrauen in Beziehungen. Ein Kind, das unsichere oder desorganisierte Bindung erfährt, entwickelt Misstrauen, Vermeidung, Angst. Diese Muster sind nicht absolut fixiert, aber sie sind träge. Sie prägen Erwartungen, Reaktionen, Interpretationen – oft unbewusst.
Spracherwerb ist ein weiteres Beispiel. Kinder, die vor dem Alter von etwa 7 Jahren keine Sprache lernen, werden nie vollständig fließend sprechen können (Lenneberg, 1967). Das kritische Fenster schließt sich. Die neuronale Plastizität, die Spracherwerb ermöglicht, nimmt ab. Was in diesem Fenster nicht gelernt wird, kann später nicht vollständig nachgeholt werden.
Diese Prinzipien gelten auch für emotionale Regulation, soziale Fähigkeiten, kognitive Strategien. Was früh geprägt wird, bleibt. Was früh versäumt wird, ist schwer nachzuholen. Die Programmierung der ersten Jahre ist fundamental – und sie ist nicht löschbar.
Kultur als kollektive Konditionierung
Kultur ist die Summe der geteilten Programmierungen innerhalb einer Gruppe. Sie definiert, was normal ist, was akzeptabel ist, was erstrebenswert ist. Diese Definitionen sind nicht naturgegeben, sondern sozial konstruiert – aber sie wirken wie Naturgesetze, weil sie internalisiert werden.
Ein Mensch, der in einer individualistischen Kultur aufwächst, internalisiert andere Normen als einer in einer kollektivistischen Kultur. Selbstausdruck wird in der einen Kultur gefördert, in der anderen unterdrückt. Autonomie wird hier geschätzt, dort als Egoismus stigmatisiert (Hofstede, 2001).
Diese kulturellen Programme sind mächtig, weil sie unbewusst sind. Sie werden nicht explizit gelehrt, sondern implizit absorbiert. Ein Kind lernt nicht durch Instruktion, was höflich ist – es lernt durch Beobachtung, durch Verstärkung, durch soziale Rückmeldung. Diese Lernprozesse sind effizient, aber sie sind nicht neutral. Sie reproduzieren die Normen der Umgebung.
Kultur ist träge. Sie ändert sich langsam, über Generationen. Ein Individuum kann nicht die Kultur ändern, in der es sozialisiert wurde. Es kann sich von ihr distanzieren, kann reflektieren, kann alternative Normen lernen – aber die ursprüngliche Programmierung bleibt als Basisschicht bestehen.
Die Illusion der freien Wahl
Das moderne Versprechen lautet: Jeder kann sich neu erfinden. Jeder kann sein Leben frei gestalten. Jeder kann werden, wer er will. Dieses Versprechen ignoriert die Realität der Konditionierung.
Ein Mensch, der in Armut aufwächst, hat nicht dieselben Optionen wie einer, der in Wohlstand aufwächst. Nicht, weil er weniger intelligent ist, sondern weil seine Programmierung anders ist. Seine Normen, seine Erwartungen, seine Strategien sind geprägt durch Knappheit, durch Unsicherheit, durch begrenzte Ressourcen. Diese Prägung ist nicht durch Willenskraft überwindbar.
Ein Mensch, der in einer autoritären Familie aufwächst, internalisiert andere Verhaltensmuster als einer in einer permissiven Familie. Er lernt Gehorsam statt Autonomie, Anpassung statt Selbstausdruck. Diese Muster sind tief verankert. Sie können modifiziert werden, aber nicht gelöscht.
Die Illusion der freien Wahl verschleiert diese Realität. Sie suggeriert, dass jeder gleiche Ausgangsbedingungen hat, dass jeder seine Konditionierung ignorieren kann, dass Erfolg nur eine Frage des Willens ist. Diese Suggestion ist empirisch falsch. Sie ignoriert die Pfadabhängigkeit menschlicher Entwicklung.
Neuprogrammierung ist möglich, aber begrenzt
Konditionierung ist nicht unveränderlich, aber sie ist träge. Neuprogrammierung erfordert bewusste Anstrengung, wiederholte Praxis, günstige Umstände. Sie ist nicht unmöglich, aber auch nicht einfach.
Verhaltenstherapie basiert auf dem Prinzip, dass konditionierte Reaktionen umkonditioniert werden können (Wolpe, 1958). Ein Mensch mit Angststörung hat gelernt, bestimmte Situationen mit Gefahr zu assoziieren. Durch systematische Desensibilisierung kann diese Assoziation geschwächt werden. Aber die ursprüngliche Konditionierung verschwindet nicht vollständig. Sie wird überlagert, nicht gelöscht.
Diese Überlagerung erfordert Ressourcen: Zeit, Energie, Unterstützung. Nicht jeder hat diese Ressourcen. Nicht jeder hat Zugang zu Therapie, zu stabilen Umgebungen, zu sozialer Unterstützung. Die Möglichkeit zur Neuprogrammierung ist ungleich verteilt.
Das bedeutet nicht Fatalismus. Es bedeutet realistische Erwartung. Veränderung ist möglich, aber sie ist nicht unbegrenzt. Sie ist nicht für jeden gleich zugänglich. Sie ist nicht allein durch Willen erreichbar.
Wer seine Konditionierung versteht, kann bewusster mit ihr umgehen. Er kann erkennen, welche Reaktionen automatisch sind, welche Muster sich wiederholen, welche Grenzen existieren. Diese Erkenntnis ist nicht Trost, aber sie ist Klarheit. Und Klarheit ist die Voraussetzung für realistische Handlung.
Quellen:
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Hebb, D. O. (1949). The Organization of Behavior: A Neuropsychological Theory. Wiley. https://psycnet.apa.org/record/1950-02667-000
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Bouchard, T. J., & Loehlin, J. C. (2001). Genes, evolution, and personality. Behavior Genetics, 31(3), 243-273. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3143348/
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Bowlby, J. (1969). Attachment and Loss: Vol. 1. Attachment. Basic Books. https://www.routledge.com/Attachment-and-Loss-Attachment-v-1/
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Lenneberg, E. H. (1967). Biological Foundations of Language. Wiley. https://mitpress.mit.edu/9780262620017/biological-foundations-of-language/
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Hofstede, G. (2001). Culture's Consequences: Comparing Values, Behaviors, Institutions and Organizations Across Nations (2nd ed.). Sage. https://www.hofstede-insights.com/product/cultures-and-organizations-software-of-the-mind-3rd-edition/
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Wolpe, J. (1958). Psychotherapy by Reciprocal Inhibition. Stanford University Press. https://psycnet.apa.org/record/1959-06305-000